Pokémon Go Go Go! Dass ich nochmal einen Ballsport gut finde, damit hat wirklich niemand rechnen können

Es ist doch genauso, wie mit dem Wein. Verkatert verkünde ich: „Jetzt trinke ich mal nix für eine Weile.“ Und wenig später ist die Weile abgelaufen und das nix nur noch ein laues „nicht so viel“. Mit dem Weintrinken klappt das sogar ganz gut zurzeit. Denn Trunkenheit stört meine Konzentration und die brauche ich ganz dringend, um Pokémons hinterher zu rennen. Jajajajajajaja, letzten schrieb und schrie ich noch: Ich will keine neuen Apps und dann naja, … ach, ich hab es doch oben erklärt. Wer nun nichts dazu hören möchte, kann sich gerne wieder den realen, gekühlt und gekelterten Dingen zuwenden. Ich jage Monstern und irgendwie auch meiner Kindheit und der besseren Zeit, die mir damit versprochen wird, hinterher.

Denn Nintendo gehört zu den Erinnerungen an mein frühes ich. Ich mochte meinen Gameboy lieber als die Jungs in meiner Stufe und wollte so gerne wie Super Mario sein, der einfach über alles Schlechte in der Welt hinweghüpft. Zelda lies mich ganz in den winzigen grün-schwarzen Bildschirm abtauchen. Doch kaum waren die ersten Flegmons und Pummeluffs gefangen, entwuchs ich dem Spielalter und verlief mich zwischen Partys und Bars.

Das kann ich jetzt multitaskend mit dem Pokémonspielen verbinden ! Nun muss ich, wenn ich wartend vor dem Restaurant stehe, nicht verlegen auf mein Display schauen, sondern kann mich mit meinen allseits präsenten quasi-unsichtbaren Freunden vergnügen. Ein bisschen eigenartig ist das schon, Dinge zu sehen, die andere nicht sehen.  Zugegeben, für einen pseudo-halluzinogen Trip ist das Einfangen von kleinen Monstern dann auch doch eher lahm.

Doch ich mag die Sprache, die mit Pokémon Go in meinen Alltag einzieht. „Sorry, ich musste gerade noch ein Ei auszubrüten“, entschuldigt sich die zu spät kommende Freundin, als sei sie ein Huhn, aber nicht irgendeins, sondern ein pflichtbewusstes. Twitterer Herr B. aka @legereaude fasste laut Twitterperlen (das echte Zitat, finde ich auf seinen Seiten leider nicht mehr) den Zeitgeist so zusammen:

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Ein bisschen recht hat er ja. Auf einmal will keiner mehr einfach rumsitzen und sich angesichts des Weltschmerzes betrinken. Das finde ich persönlich sehr schade. Stattdessen brechen wir auf zu stundenlangen, kilometerweiten Expeditionen, um Wesen zu jagen, die es gar nicht gibt. Wir tun so als wären die Monster, von denen uns unsere Eltern sagten, die seien bestimmt und ganz sicher nicht unter unseren Betten, nun doch real und wir freuen uns auch noch darüber. Vielleicht stolpern wir bei der Jagd ja irgendwann auch noch über die echten Monster, die unsere echte Welt gerade heimsuchen. Es wär ganz wunderbar, wenn man z.B. ein Trumpi dann auch einfach in einen weiß-roten Ball sperren könnte.

Warum Google keine Kinder hat

Zu sagen „Es gibt einen neuen Trend im Internet“ ist in etwa so neuigkeitenwertig, wie zu sagen „Wenn das Licht aus ist, ist es dunkel“. Trends und das Internet gehören zusammen, wie Karneval und Pappnasen, wie Postbote und Nicht-Da-Sein, wie  Ferromagnetismus und Ising-Modell.  Und eigentlich gehört auch fest zusammen, dass ich mich Trends widersetze. Das tue ich allein aus Zeitmangel und/oder Faulheit, manchmal auch aus schierer Ignoranz.

Doch diesmal ist der Trend sooo einfach, dass selbst ich mitmache. Die Aufgabe: Googele deinen Namen und „Meme“ und poste das erste Bild, das daraufhin erscheint. Aber schon Shakespeare fragte sich, was so ein Name eigentlich ist und nutze bekanntlich, womöglich einen Künstlernamen. So spielte ich das Spiel in 3 Phasen.

Einmal mit meinem Geburtsrufnamen „Juliane“:

Well played Google, well played, fast getroffen. In Level 2 folgte mein zweiter Vorname und ich erhielt ein Bild vom Herrscher über Nordkorea. Dieses Bild werde ich, um mich vor diesem Diktator und der Nennung bei meinem zweiten Vornamen zu schützen, nicht veröffentlichen.

Beim dritten Versuch nutze ich den Namen, mit dem mich meine Freundinnen und Freunde ansprechen:

Und jetzt? Jetzt ist das Spiel auch schon vorbei. Eigentlich blöd, oder? Bob Kim Motherfucker wäre doch ein Name, der erhalten bleiben sollte. Bob Kim Motherfucker klingt nach der nächsten Generation von Finns und Noels! Ich fühle mich gleich viel cooler. Danke Internet, danke dafür. Das habe ich heute auch gebraucht.

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Google hat sein Interface überarbeitet, um mehr wie das neue iOS 7 des IPhones auszusehen, das seine Gestaltung revidiert hat, um mehr wie das Android Betriebssystems auszusehen, das von Google entworfen wurde… kurz gesagt: Alle Menschen sind gleich und nun sind es auch die eckigen, bunten Symbole auf ihren Handys. Naja, so ganz gleich dann doch nicht. Denn nicht nur mobil, sondern auch im Chrome-Browser auf meinem Rechner  habe ich nun eine Menüdarstellung in mobil gewohnter Kompakt- und Eckigkeit, die versprochenermaßen genau meinen Bedürfnissen und Gewohnheiten entgegen kommen soll.

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Tatsächlich ganz individuell ist, was sich dahinter versteckt. Individuell, aber für jemand anderen als mich.  Oder doch? Denn als ich dann entzückt von der Neuigkeit einer Neuigkeit auf den Button „Play“ klickte, bekam ich eine Liste mit Spielchen… und darüber stand der Satz „Recommended for you!“. Auf Grundlage welcher Daten definiert Google dieses „You“?

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Unter der Überschrift befinden sich AUSSCHLIEßLICH (!!!) Apps, die was mit Babys zu tun haben. Daraus schlussfolgere ich, dass Google entweder meinen kürzlich verstrichenen neunundzwanzigsten Geburtstag verpennt hat und denkt ich sei noch selbst ein Baby, mir ein Kompliment machen will, dass ich noch babytaufrisch aussehe, trotz meines Alters (clever! Sehr clever, Google, altes Haus!) oder Google auf Grundlage irgendwelcher Daten, denkt, ich hätte oder wünschte mir Kinder. Ich wünsche mir ja vieles. Gerade zum Beispiel mehr Kaffee, aber Kinder, …. Ähh..nee, lieber noch mehr Kaffee. Kinder sind niedlich, aus der Ferne, wie Grizzlybären, aber man muss ihnen nun nicht zu nah kommen, zumindest nicht unbewaffnet. Gebärfähigkeit führt nicht als unausweichliche Kausalkette zum Gebären! Aber Google zu Folge dann doch irgendwie zumindest zu Bären, denn knapp unter den Babyapps, kamen folgende Vorschläge:

Ein Bärenjagdspiel, bei dem ICH die Gejagte bin.

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Ein Bärenkampfspiel, in dem Bären miteinander in den Ring steigen, um sich gegeneinander in die pelzigen Fressen zu schlagen.

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So richtig sagen mir Googles Spielchen nicht zu, aber vielleicht basieren die Rekommendationen an dieses „You“, das nicht ich bin, auf einer Instanz, die meine Netzaktivitäten überwacht und mich auf eine Zukunft vorbereiten will, in der ich von Bären und/oder Babys gejagt werde, oder kurz: Jetzt mit fast dreißig, sollte ich öfter laufen gehen. Mehr Sport. Aus immerabgelenkt wird immer auf der Hut! Ich hab’s jetzt verstanden! Danke, Internet. Nächstes Mal bitte konkretere Zeichen!