Schluss jetzt

Was ich heute so mache? Ich lasse eine Leiche verschwinden. Aber nicht irgendeine, sondern meine eigene. Mir ist nämlich aufgefallen, dass da noch eine teilzersetzte Silhouette von mir in studivz herumverwest. Zu einer ähnlichen Zeit im letzten Jahr hatte ich mit der Bestattung meiner digitalen Überreste dort angefangen und Bilder und Informationen gelöscht. Doch mein Profil hatte ich damals noch nicht gelöscht, sondern nur bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Ich dachte wohl, das würde ausreichen und die Strömung würde die Reste wegspülen. Aber in studivz ist der Strom längst aus. Da bewegt sich nichts mehr. Also muss ich wohl die Gummihandschuhe überziehen, die Schaufel aus dem Keller holen und mich selbst unter die Bites bringen. Do it yourself = Alles muss man selber machen. Mannmannnamnnn. Aber immerhin lieferte studivz Hilfestellung bei der Grabrede:

 

Davon abgesehen, dass mich die Option „Das ist nur vorübergehend“ dazu inspiriert, mich als Zombie wieder auferstehen zu lassen, erschütterte mich das zweite Anklickargument sehr. Wenn die Gründer des Clubs der toten Daten schon anfangen zu zugeben, dass sie ihre Schöpfung nichts wert ist, ist es wirklich Zeit sich zu verabschieden.  Darum Bye Bye, oder zumindest bis zur Zombie-Apokalypse!

Zeit zum Aufräumen. Juchu!!

Ich danke dir liebes Internet! Stellvertretend für dich abstrakte Größe, umarme ich kurz meinen Computer. Danke. Danke. Denn wiedermal hat das Netz einer armen, zweifelnden Seele bewiesen: Du bist nicht allein! Auch andere teilen meine Gedanken und Gelüste! Ich bin vielleicht gar nicht soooo bescheuert bzw. es gibt noch genug Andere da draußen, die diese Lust auch verspüren. Und damit sind wie zu viele, um dieses Verlangen pathologisch zu definieren und uns in Kliniken wegzusperren! Ha! Herrlich! Ich muss meinen Computer nochmal kurz umarmen, Moment bitte.

Aber nein, DAS ist gar nicht die Leidenschaft, um die es hier geht. Intimer Körperkontakt zwischen Menschen und Maschinen sind sonst nicht so mein Ding und zu Spielzeugen aller Art, für Menschen aller Art, gibt es genug andere Blogs. Also einfach weitergehen, falls ihr danach gesucht habt. Hier gibt’s nichts zu sehen. Einfach schön weitergehen. Tschüss und schönen Tag noch.

Für den Rest des Publikums eine erklärende Anekdote . Denn ich LIEBE Anekdoten. Ohne Anekdote geht nichts. Sollte ich je eine Tochter haben, nenne ich sie Anekdote. Ich sehe schon wie Lehrer, Polizisten, Psychotherapeuten zu ihr sagen werden: „Anekdote, erzähl doch mal!“

Aber DAS ist ja noch gar nicht die Anekdote, die ich erzählen wollte. Aber nach diesem schäbigen Wortwitz sind jetzt wohl auch alle anderen Surfer und Stumbler und Linkfolgenden gegangen und nur noch die Leser und Leserinnen übrig, die bei folgender Situation anwesend waren: Ich sitze mit genannten Freundinnen zusammen und erzähle eine Anekdote darüber (Ich hab euch gewarnt. Ich LIEBE Anekdoten. Und ja liebes Kind, eines Tages wirst du so heißen! Lern schon mal damit zu leben, du da draußen irgendwo rumschwimmende Vorvorstufe einer Zelle!), dass ich vor kurzem eine grenz-orgasmische Euphorie dabei verspürte meine Bücher zu sortieren. Aber nicht irgendwie, nicht nach Autoren oder Titeln (das hab ich letztes Jahr gemacht), sondern nach Farben. Nach FARBEN!!! Und mein Bücherregal ist sooooo SCHÖN jetzt! Einfach wunderschön!! Und wenn ich nur daran denke, schlägt mein Herz ein bisschen stärker. Das passierte auch im Moment, als ich meinen Freundinnen davon erzählte. Ich konnte es genau hören. Denn plötzlich wurde es ganz, ganz still und skeptische Blicke musterten mich und das vor mir stehende, noch nicht einmal halb ausgetrunkene Glas Wein. Irgendwie konnten die Mädels diese Erfahrung nicht nachvollziehen.

Anders im Internet. Hier bin ich voll im Trend. Jawohl! Sortieren ist das neue Schwarz.
Wirklich! Ich hatte ja bereits festgestellt, dass Social Media irgendwie abgestanden schmeckt und auch einige Entwickler scheinen Appetit auf was Neues gehabt zu haben. Und da ist es endlich! Lauter lustige Anwendungen und Dienste, bei denen es darum geht das große, bunte Internet zu kategorisieren, zu ordnen und zu sortieren. Denn Vernetzung ist zwar toll, aber macht auch ganz schön viel Dreck und Chaos. Der wird auf Seiten wie Pinterest.com oder Delicious.com jetzt von den Nutzern geordnet und zu übersichtlichen kleinen Päckchen bzw. Pinnwänden und Stapeln gehäuft.

Pinterest ist wie eine Pinnwand, auf die man endlos gucken kann und die man selbst und zusammen mit Freunden bastelt. Über ein Plug-In klebt man Bilder und Grafiken, sobald man sie irgendwo im Netz findet auf das eigene Profil und kann es kommentieren und verlinken. Und vor allem in Kategorien einordnen!!! Hübsch dargestellt gibt es dann ganz viel Hübsches zu sehen. Sortiert nach eigenem Geschmack.

Bei Delicious baut man sich eine ganze Argumentation bzw. Prästentation für die eigenen Hobbies oder Interessen zusammen, in Form von „stacks“, also Stappeln. So finde ich bei der Suche nach travel z.B. verschiedene Linklisten mit Kurzbeschreibungen zu Reisezielen, Reiseliteratur oder Reise-Budget-Planungshilfen. Die Suche nach Katzen – denn was wäre das Internet OHNE Katzen. Leer und traurig! Jawohl! So wäre das Internet ohne Katzen! An keinem Ort der Welt sind Katzen, in all ihren Formen, Farben und Verhaltensweisen so präsent und gut aufgehoben wie dem Netz – die Suche nach Katzen verweist mich also an den Stapel eines Katzenfreundes, der sich ausgiebig mit der Sprache dieser Pelzträger befasst hat und Links, Bilder und Videos zusammengestellt hat, wo es darum geht Katzenlaute zu entschlüsseln. Ein Weingut im Nord-Osten der USA, dem ich vielleicht, vielleicht demnächst einen Besuch abstatten werde (, sobald mir die Mädels wieder erlauben Alkohol zu trinken…Mannmannmann…Darf man denn garkeinen Spaß haben…), erschien unter den Ergebnissen, als ich das lecker-säuerliche Gesöff suchte. Die PR-Touri-Leutchen der Fingerlakes haben hier freundlicherweise schon Links mit Infos und Terminen zusammengestellt, die ich mir sonst mühsam hätte selbst zusammensuchen müssen. Wir teilen uns jetzt also nicht mehr nur Informationen mit, über das Internet, sondern wir teilen uns auch Arbeit. Win-win! Yeah!

Aber zugegeben, das klingt nicht wirklich nach einer NEUEN Erfindung. Aber das sind Sachen im Internet auch noch nie wirklich gewesen. Nicht so richtig. Aber es ist hübsch und praktisch! Und hübsch! Und eben über dieses ästhetische Charakteristikum haben sämtliche Netztrends bisher Besucher angezogen. Das Potential der Seiten ist noch nicht ganz ausgeschöpft und die Nutzerzahl wächst noch. Es mag keine neue Erfindung sein. Aber es ist eine neue Erfahrung. Ein neuer Umgang mit dem Internet. Erst haben wir im Internet recherchiert. Dann kommuniziert. Und jetzt sortieren wir. Ich fühl mich dadurch hier nun noch ein bisschen wohler. Und jetzt geh ich weiter pinnen und stapeln.

Minuspunkte für Google+

All die Blogs, Tweets und Meldungen, die ich inzwischen zu Google+ aufgesogen habe, versprachen eine richtig gute Party. Nicht jeder wird reingelassen, die Inneneinrichtigung ist stylisch und vor allem – ein Aspekt, der bei jeder Party enorm wichtig ist – der Gastgeber ist bekannt für seine Erfolge. Google’s einzigem und ewigen Gebot, dem kategorischen Imperativ  “Do no evil”, ist das was facebook und co zu sein versuchen inhärent: die Komponente des sozialen. Dass Facebook, nicht als Anwendung sondern Institution, immer mehr netzWERK und kaum noch Soziales ist, wird nicht nur mir schleichend klar. Statt freundschaftliche Beziehungen zu fördern, versucht Zuckerbergs Spielwiese immer mehr Werbetreibenden zu Kontakten zu verhelfen. Denn facebook ist eben nicht einfach ein Internetdienst oder Netzwerk, sondern ein Unternehmen. Und hier liegt das Paradox, denn Unternehmen sind in erster Linie kapitalorientiert und eben nicht auf soziale Harmonie aus. Für das Unternehmen facebook sind wir abstrakte Nummern, die es gerade versucht in monetäre Ziffern umzuwandeln. Die Idee man zahle nichts für’s Mitspielen im Netz ist die Illusion des sozialen Kapitalismuses. In der Utopie der www, der Win-Win-Welt, dürfen Freunde umsonst technische Kommunkationsmittel nutzen und trotzdem verdienen die, die sie gebaut haben, weil sie den Freunden ab und zu Werbung zeigen. Stimmt nicht ganz. Denn facebook rentiert sich – im Gegensatz zu Google – nicht über Werbung, sondern Investoren und die wiederum….Aber warum fange ich jetzt eigentlich mit dieser kritischen Systemanalyse an?

Weil auf der Party Google+ Öde und Langeweile miteinandern Foxtrott tanzen. Japp. Genauso wie wenn man zu früh auf eine Party kommt, ist hier nichts los. Ich hab mich umgesehen. Es sieht alles nett aus. Verpflegung ist auch ansprechend.Auf dem Buffet finden sich verschiedene Nachrichtenfunktionen, Videochat bei dem gemeinsam YouTube-Videos anschauen kann und noch einige andere Leckereien, die ich zögerlich probiere. Für die Grundversorgung ist gesorgt und der Gastgeber tischt weiter auf. ABER es ist kaum jemand hier. Es fehlt das Soziale in seiner Entität: der Mensch. Der Grund warum ich mich hübsch anziehe und schminke und lauter attraktive Hobbies und Interessen in mein Profil schreibe ist der, dass ich mit Menschen interagieren, plauschen, lachen, diskutieren möchte! Aber hier fehlt genau dieses Plus, dieser Vorteil, den das Additionzeichen mir verspricht. Drum stehe ich in der Ecke und sinniere über die Natur der Netzwerke als solches. Kann Google+ wirklich das wieder gut machen, was facebook ruiniert hat? Das soziale Miteinander? Bedeutet Do No Evil automatisch, dass Google Gutes tut oder ist das bereits Überinterpretation? Und auch Google baut sein Plus nicht für mich und die noch erwarteten Partygäste, sondern veranstaltet das alles, um Geld zu verdienen. Die Drinks mögen umsonst sein und Eintritt war auch frei. Aber ich ahne doch, dass ich für’s Mitfeiern zahlen werden muss. Wenn hier nicht langsam was passiert, vergeht mir die Feierlaune. Manche Partys sind leider einfach nur eine Verschwendung von Make-Up.

Post-It als Verhütungsmittel

Facebook hat es tatsächlich getan. Nun will es auch in die letzte schmutzige Ecke meiner Privatsphäre. Und darum klebt jetzt ein Post-It über der Kamera an meinem Laptop.

Ich weiß, dass das Unternehmen verzweifelt ist. Nicht nur wegen der Konkurrenz durch Google+. Es gibt genügend Menschen die loyal faul genug sind, nicht zu wechseln. Und noch ist Google+ nicht publik. Nein, facebook wird nervös, weil das Geld der ersten Investorenrunde so langsam aufgebraucht ist und man, um in der zweiten Runde mehr als nur einen ‚geschätzten Wert‘ von 836 Millionen Dollar (beim derzeitigen Kurs immerhin noch Rund 584 Millionen Euro) vorweisen muss. Aber weil noch immer keiner rausgefunden hat, wie man im Internet nun tatsächlich Geld verdient, pusten alle weiter Seifenblasen. Im Grunde will der soziale Dienst seine Nutzer ja nur glücklich machen, und noch glücklicher und noch glücklicher, mit immer neuen Spielen, Freunden und Features, um von anderen Menschen Geld zu bekommen, indem sie denen erzählen, dass glückliche Klicker auch glückliche Konsumenten sind. Denn tatsächlich Geld für eine Dienstleistung im Netz zu kriegen, ist die Königsdisziplin in dieser Welt. Und so richtig die beherrscht bisher keiner. Zumindest nicht mehr.

Denn vor langer Zeit, in einem lang vergessenen Internet gab es so etwas einmal. Bevor Social Media der am häufigsten genutzte Dienst im Netz wurde, regierte hier die Pornoindustrie. Und das zu Anfang noch profitabel. Sex Sold and Sells. Past tense, present tense und aber in der Zukunft? Wobei wir wieder bei der Facebook und dem Post-It an meinem Computer wären. Irgendwann kommen nämlich fast alle Unternehmer im Netz auf diese Schiene zurück. Frei nach Field of Dreams glauben alle: Errichte eine Schnittmenge deines Dienstes zu nackter Haut und Versprechungen von Liebe und Leidenschaft und die Nutzer werden kommen –(Pun intended or not. Der Rezipient arbeitet immer an der Nachricht mit, also tun wir mal so, als wäre das nur eure schmutzige Phantasie, die „kommen“ als „kommen“ liest). Chatroulette zog deswegen Massen an, weil alle darauf warteten (schockiert!!!) mit einem nackten Gegenüber konfrontiert zu werden, nicht weil es ganz nett wäre, sich face-to-face zu unterhalten. Das ging vorher schon im Internet, via Skype und hunderten anderen Messengern mit Video. Aus diesem Grund ist es auch keine technologische Innovation, dass nun Facebook mit einem Video-Chat daher kommt. Die Erweiterung ist keine Erfindung des Feuers, sondern der Versuch den sozialen Service heißer zu machen. Ins Gesicht und die Wohnung des Gesprächspartners blicken zu können verspricht Intimität und im Kontext von Facebook liegt hierhin die Innovation. Aber wie ich schon via Skype nur äußerst exklusive mit den wenigen Menschen interagiere, die meine Wohnung auch real bereits betreten haben, werde ich auch zumeist auf Facebooks Video-Chat verzichten. Und darum klebe ich nun, wenn immer ich mich einlogge, ein Post-It als Verhütungsmittel über die Kamera. Manch einer mag behaupten, die Kamera zu deaktivieren genüge auch, aber diese Menschen halten auch an den Koitus Interruptus für sicher. Darum kaufe ich mir später lieber noch ein Packung Klebezettel, in vielen hübschen Farben und Formen.