Ein echter Schriftsteller mit Block statt Blog

Die Architektur der Großstadt verhindert, dass der Frühling überall durchkommt. Doch ab und an gibt es kleine Flecken, die von der Sonne trichterförmig, fast wie von einem Bühnenscheinwerfer ausgeleuchtet werden. An diesen Flecken stellen CafébesitzerInnen Stühle und Tische raus und locken so Menschen an, die sich prompt wie Erdmännchen um die Wärmespots drängen.

Neulich saß ich mit einer Freundin in einem solchen, sehr hippen kleinen Café und hielt meinen Bauch ins Licht. Doch schon nach kurzer Zeit, war ich mir doch nicht mehr so sicher, ob wir von der Sonne oder einem Bühnenlicht angestrahlt wurden.

Der Tisch neben uns war frei geblieben; ein Metalltisch hinter dem ein einzelner Holzstuhl stand. Hierhin setzte sich nun ein mitte-zwanzigjähriger Typ mit blonden, zu einem Dutt im Nacken zusammengebundenen Haaren, lässiger Kleidung aus Bio-Hanf-Baumwoll-Irgendwas aus dem die Markenlabels herausgetrennt waren. Ein Hipster in Reinform, perfekt abgestimmt auf das industriell-urbane Mobiliar. Aber das war nicht alles. Das Kind hat natürlich auch noch Requisiten dabei: Ein altes Buch, so ein richtiges altes Buch, mit Stoffeinband, aus dem die sich langsam auflösenden Seiten herausfallen; ein Buch das man wegen der alten Schriftformen kaum lesen kann, weswegen man solche Bücher als hübsche Erbstücke ins Regal stellt und nicht anfasst. Das Beige des Bucheinbandes passte natürlich perfekt zu seiner sandfarbenen Hose.

Aber er hatte noch mehr dabei: Einen karierten Collegeblock mit vielen losen, vollgeschrieben Seiten, die ihm bei einem leichten Windstoß fast davonflogen. Dann klemmte er sie unter das antike Buch, schlug eine leere Seite seines Blocks auf (ja Block, nicht Blog, verrückt, ich weiß!) und setzte seinen Kugelschreiber (offensichtlich kein Werbegeschenk, eindeutig keine Marke erkennbar) an. Neben mir saß ein zum Leben erwachter Instagram-Filter! Hashtag Schreiben, Hashtag Schriftsteller, Hashtag AchtungKunst.

Doch noch bevor er den ersten Strich machen konnte, kam das letzte Accessoire angeflogen: Ein schwarzer Kaffee, selbstverständlich. Erst jetzt war das Foto wirklich vollständig. Diese Details übersehe ich immer, ich glaube deswegen werde ich nie wirklich gut im Instagrameln.

Ich sah mich um, in der Erwartung, dass ich gleich bei irgendjemandem Eintritt für diese Vorführung zahlen sollte. Aber stattdessen näherte sich die Muse, in schwarzer, an den Knien aufgerissener Jeans und bauchfreiem Top. Die blätterte kurz nach der Begrüßung ganz offensichtlich mehr an ihm als an dem Werk in ihrer Hand interessiert in den alten Seiten herum, kicherte und warf ihre langen, schwarzen Haare zurück. Hashtag TinderInEcht. Und ich dachte mir: Dieser Schriftsteller-Look funktioniert ja krass gut!

Und weil ich mir vorgenommen habe auch mal wieder mehr als Blogposts und Emails zu schreiben, überlege ich nun, ob ich mir auch erstmal ein Schriftsteller-Styling zulegen sollte. Ein paar alte Bücher habe ich, eine Feile, um die Herstellernamen von meinen Kugelschreibern abzukriegen und eine Brille, die ich nie trage. Im Netz fand ich außerdem noch mehr als ein passendes Fashion-Tutorial zum Thema. Da uns aber Wölkchen am Himmel zum nächsten Café getrieben haben, bevor er den Stift wieder aufs Blatt setzen konnte, weiß ich nicht, ob die Show auch wirklich beim Schreiben hilft oder nur beim Frauen aufreißen.  

 

Wo bitte geht’s denn hier nach Einschicken?

„Ohne Tragödien keine Kunst“, so oder so ähnlich hat Onkelmaike mein Schreibblockaden-Gejammer gekontert. Und es stimmt. Die wirklich großen AutorInnen litten alle. Sylvia Plath hat mehr als einmal versucht sich das Leben zu nehmen und war schließlich erfolgreich. Fyodor Dostovyesky saß im Exil in Sibirien fest und litt an Epilepsie. Aldous Huxley erkrankte schon im Teenageralter an einer Hornhautentzündung im Auge und war fortan für den Rest seines Lebens so gut wie blind… und die Liste lässt sich weiter vertikal und horizontal durch mein Bücherregal schreiben: Virginia Woolf, David Foster Wallace, Anne Rice,… irgendeinen unerträglichen Schmerz trugen sie alle mit sich herum.

Mir ist bewusst, dass meine aktuelle Misere sich daran nicht messen kann, dennoch möchte ich schreien, weinen, toben und auch eine tröstende heiße Schokolade MIT Sahne würde ich nicht sofort ablehnen, und Schokolade und glutenfreie Kekse und ja auch Eis wäre jetzt ja wohl das MINDESTE!!!

Denn ich komme aus dem Apple-Store, wo man mir, ganz ohne Vorwarnung und ohne Eis oder Lolli mitteilte, man müsse meine Extension of me (meinen NEUEN, noch keinen Monat alten) Computer einschicken.

Das wäre normalerweise keine Tragödie. Technische Geräte gehen kaputt, werden repariert oder ersetzt. Aber Apple zielt ganz bewusst darauf ab eine emotionale Bindung aufzubauen, mit optischer Attraktivität, freundlicher Funktionalität und diesen putzigen Geräuschen, mit denen uns die Produkte zum Kichern bringen. Und weil das alles so persönlich ist, bin ich jetzt auch persönlich enttäuscht davon, dass mein Touch-Pad nicht funktioniert! Und Siri steht auch nur da und schlägt mir vor mir einen Termin für 14 Uhr zu erstellen oder mir auf der Karte zu zeigen, wie ich nach Hause komme.

Viel mehr würde mich interessieren, wo dieses „Einschicken“ ist, von dem so oft in Verbindung mit Technik die Rede ist. Denn folgendermaßen vollzog sich meine  Pilgerfahrt in den Kölner Apple-Tempel:

Ich: *Schnief, hmm, Schnief…muhuhuhuhuhhhhuuuuuuu….!*

Apple-Mitarbeiter im Look als sei er gerade dem Spiel Die Sims entsprungen, in grauem Polo-Shirt, IPad in der Hand und NULL Empathie für meine Lage: „Wie kann ich ihnen helfen?“

Ich (hole darauf meinen Mac aus der Tasche und stelle ihn auf den Tisch vor uns, um zu zeigen, was passiert ist und bekomme davon vom Menschen, den ich für einen Profi hielt, einen Blick, den ich vom Arzt kenne. Der Blick, der dir sagt: ‚Ich hatte nicht darum gebeten, dass sie sich frei machen. Ziehen sie sich wieder an. Ich kann ihre Sehstärke auch so messen.’) und erzähle: „Ich kann nicht mehr klicken. Er ist heute morgen aufgewacht und ich konnte nicht mehr klicken. Gestern Abend war noch alles gut. Ist er nur beleidigt, weil er nicht mit im Bett schlafen durfte oder hat er sich in der Nacht auf meinem Schreibtisch erkältet? Bitten sagen Sie, dass es nur eine Erkältung ist?! Ab jetzt drehe ich auch IMMER die Heizung für ihn hoch und bringe ihm noch einen Tee vor dem Schlafengehen und erzähle ihm eine Gute-Nacht-Geschichte! Ich lerne stricken und stricke ihm eine eigene Decke! Er bekommt sein eigenes Zimmer, einen Hund, einen Butler! Was immer es sein muss!!! Aber er soll wieder heile sein!!!!“

Unbeteiligter Apple-Angestellter, der sich schon hoffnungsvollen nach anderen Kunden umsieht: „Wir haben keinen Techniker im Haus, erst in 4 Stunden kann ich ihnen einen Termin anbieten. Dann können wir hier aber auch nichts machen, sondern der muss eingeschickt werden.“

Ich bin noch enttäuschter, weil ich gerade erfahren habe, dass ich die Sprechstundenhilfe für die Ärztin hielt und ich nicht bereit bin 4 Stunden darauf zu warten, dass sich jemand, der auch nichts machen kann, meines Klick-Problems annimmt. Es geht hier schließlich nur um eine Maschine und nicht um das Leben eines Kindes: „Habe ich Alternativen? Geht es vielleicht morgen einfach wieder?“

Die „Geht’s vielleicht von alleine Weg“- Lösung funktioniert leider nur bei Pickeln, nicht bei Computern und auch nur sehr selten bei unerwünschten Personen. Letzteres war ich für mein Gegenüber und um mich loszuwerden, wiederholte er die magische Formel, die bisher alle Kunden vertrieben hatte: „Muss eingeschickt werden.“

Ich: „Und wohin?“

Er: „Wohin?“

Ich: „Ja, wohin? Es heißt immer, dass alles eingeschickt werden muss. Aber wohin werden die ganzen Sachen denn geschickt? Und wieso ist nie einer dieser Ort in der Nähe, so dass man auch einfach hingehen könnte?“

Sprachlosigkeit im grauen Polo-Shirt starrte mir entgegen. … Ich fürchte über meine Frage, kommt er lange Zeit nicht hinweg. Vielleicht hätte ich ihm eine heiße Schokolade, Kekse oder ein Eis kaufen sollen. Doch ich hatte keine Zeit, ich muss rausfinden, wo dieses „Einschicken“ ist und habe den Verdacht, dass ich auf meiner Reise dorthin dem Weihnachtsmann, dem Yeti und Loch Ness begegnen werde…

Wenn Privates öffentlich wird… gibt’s Krawall

Einen großen Anteil meiner Energie verwende ich darauf, Probleme zu lösen. Die von anderen Leuten für Geld oder lustige Unterhaltungen bei Wein und meine eigenen, einfach so, als Discount for myself. Und aktuell hat Juliane ein großes Problem. Sie kann in der Wohnung, in die sie im April einzog, nicht schreiben. Ein weiterer Umzug wäre eine Lösung, aber dafür fehlt das Budget. Also muss eine kostengünstigere Lösung her: Schreiben an anderen Orten. „Könnte ja auch inspirierend sein!“ redete ich mir ein. Jajajajajaja, super Idee. Echt toll. Jetzt sitze ich im Café in Köln und höre der streitenden Familie neben mir zu. Immerhin geht das Cafékonzept auf. Die Besucher fühlen sich scheinbar wie zu Hause. So sehr, dass über Taschengeld und Schulnoten miteinander streiten.

„Eine drei in Mathe“, sagt Papa Streithammel gerade. Und ich fürchte, er ist stolz. Japp, da kommt die Bestätigung: „Ach, eine vier ist doch auch in Ordnung,“ und schiebt nach „ich war ja mal gut in Mathe.“ ,Also dann vier plus oder wie?‘ würde ich gerne Fragen. Aber ich will nicht fragen. Ich will schreiben! Vielleicht sollte ich mir ein anderes Café suchen? Oder eine andere Geschichte schreiben? Eine über Eltern, die ihre Teenie-Kinder im Kaffee bloßstellen, sie anschreien, sie sollen sich mal einen Job suchen…. an öffentlichen Orten.

Privatsphäre ist ein Indikator für Wohlstand, oder für Spießertum, je nachdem an welchem ideologischen Ufer man steht. Leider wirken die beiden Generationen am Nachbartisch weder arm, noch wie Hippies. Der Grund für ihre öffentliche Konfliktaustragung resultiert also kaum aus dem Mangel an Rückzugsraum. Vielleicht ist Caramell Frappuchino Latte und Low-Fat-Blueberry-Muffin aber auch die neue Armenspeisung. Zugegebenermaßen weiß ich wenig über die tatsächliche Lebensweise prekarisierter Bevölkerungsschichten. Die Gruppe neben mir hat Einkaufstaschen dabei, viele. Diese Allegorie ist tricky. Denn dies kann sowohl für Obdachlosigkeit, wie auch Konsumgeilheit stehen. Schön eigentlich, dass diese beiden sozialökonomischen Extreme doch etwas verbindet: Die Akkumulation von Tüten mit Logos drauf ist der kleinste, gemeinsame Nenner.

Die Unterhaltung am Nebentisch wird ruhiger, man unterhält sich über’s Skifahren. Damit geht einher, dass die Stimmung sich insgesamt abkühlt. Gut, gut. Dann können die ja jetzt bitte gehen und die Inspiration Platz nehmen!

 

immerabgelenkt immeröffentlich