Langsam wird’s Zeit

Facebook hat mich gerade an einen Geburtstag erinnert, meinen eigenen. Danke liebes blaues f, dann darf ich mal nicht vergessen mir zu gratulieren. Oh Mann, und Geschenk habe ich für mich auch noch keines. Cleveres facebook. Vermutlich weiß es, dass ich aktuell so abhängig von meinem Kalender bin, wie ein Junkie vom Heroin. Termine, die mein Postfach oder facebook oder irgendein anderer Dienst, den ich dafür freigeschalten habe, nicht mit meinem Kalender synchronisiert, existieren nicht und ich weiß aktuell ohne digitale Anzeige nicht, welchen Tag wir haben und komme mir vor, wie eine Zeitreisende, die Menschen auf der Straße nach dem aktuellen Datum fragt. (Das Jahr!!! Nicht der Monat. Welches Jahr haben wir, unbekannte Fremde mit der seltsamen Zukunftskleidung???? Was, 2012. Bitte, ihre Wedges und Schulterpolster sagen aber was anderes. Mode? DAS soll Mode sein. In was für einer Zeit leben wir denn???)  Ja, soweit ist es gerade mit mir. Es ist viel los. Und ich habe demnächst Geburtstag, vielleicht liegt’s also auch am Alter.

Aber diese Zeitrechnerei ist ja auch verrückt. Vor ein paar Wochen war ich auf einer Hochzeit in Thailand, auf der man mir mittteilte, wir wären aktuell im Jahr 2555. Seit 15 Jahren wären wir in Huxley’s Schöner neuer Welt von der Misere der Gegenwart durch Drogen und Sex abgelenkt, wäre 2555 die Gegenwart. Ein Umstand, der diese Behauptung eigentlich validiert… . Aber eine Woche später zeigte mir die Uhr in der Abu Dhabi Moschee an, wir seien grad erst am Anfang der Renaissance, im Jahr 1433. Columbus hat in Amerika noch nicht begonnen Einheimische übers Ohr zu hauen, dafür hauen sich Engländer und Französen im 100jährigen Krieg noch gegenseitig die Köpfe ein. Und ich, ich komme mir vor, wie der weiße Hase in Alice Wunderland „Oh dear, oh dear, I shall be too late“. Wenn Zeit Geld ist, wie so gerne behauptet wird, dann zeigt sich die Hyperinflation grad derbe in meinem Kalender. Gestern noch 2555, morgen nur noch 1433 und heute…heut ist erstmal FREITAG. Und damit gut.

Ketzerei im Kapitalismus. Der, der ohne Dispo ist, werfe den ersten Schein! Oder die, also ich!

Mitten im Satz, als ich grade intensiv an Matthew rumfummelte und überlegte, ob er nicht einen Hauch zu viel Businesskritik transpiriert, blinkte mein Postfach auf, mit der Meldung Google müsse 500 Millionen Dollar Strafe wegen unerlaubter Pharmawerbung zahlen. Als jemand, die den achten Ring der Hölle (hätte es in Dantes Zeiten bereits Pharmamarketing gegeben, hätte er meine Weiterführung unterstützt. Ganz sicher. Ich frag ihn nochmal, wenn wir uns in einem seiner sieben treffen.), genannt Pharmamarketing, persönlich beruflich bereits durchschritten hat, machte mein Herz einen kleinen Sprung. Denn ich nahm an, Google hätte in irgendeiner Form teuflische Werbung gemacht und wäre dafür todesstrafennah abgestraft worden. Einmal der elektrische Stuhl für das große G hier drüben, bitte! Aber NEIN! Ich lag falsch. Google hielt sich an sein biblisches Gebot „Don’t be evil“ und wurde, nach meiner pharmatraumatisierten Sicht völlig zu Unrecht ans Kreuz genagelt. Google blutet als Märtyrer. Denn der ausführliche Horizont-Artikel informiert:

„Hintergrund ist der Streit um Werbung kanadischer Online-Apotheken auf den Seiten des weltgrößten Suchmaschinenkonzerns. Die Anzeigen haben aus Sicht des US-Justizministeriums zum illegalen Import von Medikamenten in die USA geführt und die dortige Pharma-Industrie massiv geschädigt.“

Wie war das noch mit dem freien Markt, der sich ganz von selbst zum Besten für alle entwickelt? Risikolos und ganz nebenwirkungsfrei? Ich glaub ich sollte das nochmal nachschlagen. Gott  Google Wikipedia sei Dank, können Marketingfachleute heute ja am objektiven Wissen mitschreiben und sogar mir (ja, sogar MIR!!) faktisch klar machen, dass Gesetze, Gebote und Gerichte eigentlich zum Schutz der Unternehmen da sind. Achja, da steht’s ja: All brands are created equal and thou shall not compare prices with thy neighbors.