Kommentieren kann jeder…aber sollte er/sie auch? Muss das wirklich sein?

Es heißt immer, man solle nicht wegsehen, wenn was Schlimmes passiert. Im Internet kann man das gar nicht. Die Neugier ist zu groß und hinter jedem Link lauert eine weitere „Hätt-ich-doch-nur-weggeguckt“-Situationen. Es sind Links, die Gewalt, sexuelle Freizügigkeit oder einfach nur Lachhaftes versprechen, die täglich von Millionen unbedachter Menschen angeklickt werden. Inzwischen fährt mein Mauszeiger, kaum habe ich auf ein solches Türchen ins Kuriositätenkabinett des Netzes angeklickt, in Richtung „Zurück“-Pfeil. Denn in 8 von 10 Fällen brennt sich das Bild in meine Gedanken ein und hängt da fest, genau wie im Internet.

In diese pandorische Gewürzdose ist nun eine weitere traumataerregende Zutat hinzugekommen. Ich habe angefangen Kommentare unter Zeit.de, SZ.de und taz.de Artikeln zu lesen. Das war ein Fehler. Und ich nehme mir vor, ihn nicht zu wiederholen. Und ertappe mich JEDES MAL wieder dabei! Und jedesmal wieder rege ich mich auf, über die Gewalt, die sexuellen Freizügigkeiten und die bloße Lachhafigkeit dessen, was Menschen meinen unter Artikel setzen zu müssen.

Weggucken und ignorieren wäre hier die einzig heilende Verhaltensumstellung. Aber ich kann nicht! Meine Neugier ist genauso unendlich wie die Unverschämtheiten, die sich da finden. Gleichzeitig kann ich von außen zugucken, wie Leute am Thema vorbeistreiten oder die Redakteure und Redakteurinnen beschimpfen, schreiben, dass die Schauspielerin auf dem Bild hässlich und alt aussehe, dass der Artikel ja sinnlos sei, dass das ja „totale Scheiße“ sei, was die Redaktion da zusammengeschrieben hätte…und und und.

Interaktion gleich Beleidigung, scheint die Gleichung, die man sich da schönrechnet. Und ich lese es und ärgere mich innerlich mit, weil der Artikel ja wirklich nicht so toll war, mir aber egal ist, wie die Schauspielerin aussieht und ich es für unmöglich halte einfach so grob drauf los zu schimpfen und das noch öffentlich, aber mit selbstgewählten Nicknamen, die auch nicht grad auf höchste Intellektualität oder Kreativität schließen lassen.

Andererseits sind auch diese Täter ja irgendwie Opfer. Denn auch sie können nicht einfach weggucken und ignorieren, was der/die Reakteur/Redakteurin von sich gegeben hat. Man kann Sachen so nicht stehen lassen! Nicht im Internet. Man muss reagieren, interagieren, insultieren. Darf ja auch jede und jeder und des multiperspektivischen Austausches wegen, müsste ich wohl auch, statt mich privat zu ärgern, Kommentare kommentieren. Man muss von seiner Meinungsfreiheit Gebrauch machen, solange sie noch kostenlos ist. Oder doch weggucken und ignorieren lernen? Ich kann mich nicht entscheiden, was die kleinere Übel ist. 

Finger weg von meinem Facebook oder Das Internet: (Kinder-)Hort für Humbug, Halbwahrheiten und Hoffnungen

Nix mit Remember, remember the fifth of November. Kannste alles vergessen. Alles nur Schall und Rauch und verschwendete Bites und Bytes. Der angebliche Anonymous Angriff auf Facebook am 05. November ist jetzt als offiziell nicht offiziell erklärt worden und damit offensichtlicher Blödsinn. Aber das war es vorher irgendwie auch schon. Denn so sehr ich derzeit traurigen Auges zusehe wie das, mir einst so ans Herz gewachsene facebook, sich im Alter doch zu einem unsympathischen Zeitgenossen entwickelt, so würde ich doch nie unterstützen, es einfach umzulegen. Auch ich dachte hoffte, dass facebook ewig jung bleibt und es nur ums rumhängen mit Freunden und spielen geht. Die ewige Zeit der Unschuld eben. Immer abgelenkt und immer unschuldig. Aber das blaue f wird erwachsenen und zum Businessmenschen. Und will jetzt auf dem großen Markt mitspielen, mit Schotter statt Schippe. Bald sehen wir es dann wohl auch mit Krawatte, im Anzug und zu starkem Eau de Cologne. Das mich, ganz wie bei vergleichbaren Businesskaspern im wahren Leben, dazu bringt Abstand zu halten. Aber nur weil es älter wird und ernster, facebook einfach kalt machen? Ein virtueller Mordanschlag von maskierten Schützen? Die zwar im Hintergrund bleiben wollen, aber trotzdem ein Video ins Netz stellen, was ja nun doch ganz schön nach Ruhmsucht stinkt? (Die nebenbei bemerkt ganz schön nach Kölsch Wasser stinkt) Ein Hinterhalt wie einst bei Kennedy und dem hübschen Cobain?

Oh. Ja! Cobain’s Tod war MORD! Ich halte dann an meiner Verschwörungstheorie fest. Und das darf ich. So wie viele andere. Besonders im Netz. Denn hier herrscht (noch) Meinungsfreiheit. Und eben die(!!) hätte der Anonymous Anschlag angegriffen. Dank facebook und ähnlichen Vernetzungsdiensten der virtuellen Welt sind bisher pseudo-politische Flashmobs genauso erfolgreich gelungen, wie spontane Partys. Und auch 4chan.org ist erst als Reaktion auf social media entstanden. Ohne facebook hat dieser Protest überhaupt keine Daseinsberechtigung, Nichts was es zu kritisieren gäbe und Nichts worüber es sich echauffieren ließe. Letzteres sind 4chan’s Qualitäten und die Idee von Anonymous ist durchaus berechtigt. Denn sie haben ja Recht. Facebook ist derzeit ein bisschen zickig und arrogant und gemein zu uns. Vielleicht ist das nur eine Phase. Vielleicht schmeißen wir das Kind aber auch irgendwann vor die Tür, wenn wir uns dieses Verhalten nicht mehr gefallen lassen. Vielleicht sind wir auch selbst ein bisschen schuld, weil wir nicht rechtzeitig eingegriffen haben und dem kleinen Blauen seine Grenzen nicht aufgezeigt haben. Vielleicht musste da wirklich erst jemand von außen kommen, jemand wie Anonymous, die uns das vor Augen führen. Aber dieser freundliche Beobachter darf unser Kind nicht einfach kalt machen! Denn so richtig nach Befreiung klingt diese Lösung nicht. Bin ich wohl die im Anonymous-Bild die Silhouette von Mubarek durchscheinen sieht? Denn der greift ja auch ganz fürsorglich und nur zur Sicherheit des Volkes in das Weltweite Netz ein und macht es ein bisschen kleiner, handlicher, unschuldiger. Also ein bisschen weniger World und eine kürzere Weite und Netze sind auch gefährlich. Ganz gefährlich. Da verfängt man sich so leicht drin.

Protestprobleme

… aka „Macht, dass es aufhört! Teil 2 – Aber ziemlich zügig!“

Ich habe nun einen Tag darüber sinniert, ob ich mich in die mir zugeschrieben Rolle der alpinaffinen, aber altersschwachen Alten (mit Vorliebe zur Alliteration) fügen sollte, indem ich mich heute wie eine Dame von Welt fortgeschrittenen Alters verhalten habe. Ich habe doppelt so laut gesprochen wie sonst, mich dabei halb so schnell vorwärts bewegt, den Behindertenplatz in der Bahn benutzt, genörgelt, gemeckert und jeden in meiner Nähe angepöbelt, außer den hübschen jungen Herren, der in der Bahn eine Haltstelle vor mir ausstieg, dem hab ich, ganz wie ich es als rüstige Rentnerin tun würde (ich bin ja dann trotz allem immernoch ich und einfach hoffnungslos romantisch), hinterher gerufen: „Für dich würd ich mir glatt `ne neue Hüfte einsetzen lassen, Jungchen!“

Aber trotz der Freuden, die mir dieser Tag beschert hat, bebt in mir der Widerstand. Nein, ich kann es nicht den Mächten der Netzwelt (siehe vorhergehender Beitrag, für alle die nicht regelmäßig mitlesen) überlassen, wer ich bin und welcher Konsumgruppe in angehöre. Ich werde mich wehren. Ich fordere mein Recht auf Mündigkeit ein! Jawohl!

Einige wichtige strategische Knackpunkte meiner Protestbewegung muss ich zwar noch ausarbeiten, z.B. in welcher Farbe und mit welchem Motiv ich die Protest-Shirts drucken lasse1, aber dafür gibt es Dienstleister im Internet, die übernehmen das für mich. Läuft alles vollautomatisch. Hier ist sowieso alles automatisch. Auch dieser Blog. Denn auch hier kam der allererste Eintrag nicht von mir. Sondern von WordPress, die in meinem Namen der Welt Hallo gesagt haben. Nicht einmal das darf ich selber tun. Läuft alles auch ohne mich. Das denken und handeln haben längste Algorithmen übernommen. Ich surfe nur auf der Welle mit. Vielleicht spart mir das ja noch mehr Arbeit in Bezug auf meine geplante Revolution. Zum Beispiel filtert Facebook ganz automatisch potentielle Mitstreiter, Anhänger, Sympathisanten aus meinen Freunden heraus. Denn da sehe ich ja auch nur noch die, die sowieso meiner Meinung sind. Ausführlich hat sich ein Redakteur von spiegel.de mit diesem Algorithmus auseinandergesetzt. (Konrad Lischka: Die ganze Welt ist meiner Meinung. 13.03.2011. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,750111,00.html) Lischka beschreibt, wie die Mathematik hinter dem sozialen Netzwerk meine Freunde für mich organisiert. Über die, mit denen ich über das Netzwerk heftig kommuniziere, werde ich regelmäßig informiert. Jene mit denen ich mich hier seltener beschäftige und die vielleicht genau darum sogar mal was spannendes, völlig neues, meinen Horizont erweiterndes mitzuteilen hätten, verschwinden aus meinem virtuell-visuellem Sichtfeld. So musste ich neulich mit Schrecken feststellen, dass eine Kollegin, mit der ich über andere digitale Kanäle und traditionelle Kontaktstellen (allen voran die wichtigste aller analogen Kontaktstellen: die Kaffeeküche im Büro), durchaus in regelmäßigem und bereicherndem Austausch („Hier hast du den Zucker. Gibt mal die Milch rüber.“) stehe, ein neues Profilbild hatte. Facebook hat dieses Ereignis als nicht relevant genug anerkannt, um es zwischen „ich bin ja so müde“ und „ich bin ja so krank“ und „ich bin ja so einsam“ auf meiner Startseite erscheinen zu lassen. Dabei ist meine liebste Kollegin eine der Ersten, die ich bitten würde sich meiner Protestbewegung anzuschließen. Mit müden, kranken und einsamen Leuten kann man keine Revolution beginnen, liebes Facebook! Oder geht’s dir grade darum?

  1. Sie werden an dieser Stelle vielleicht schmunzeln liebe Leserin bzw. lieber Leser, aber T-Shirts sind entscheidender Bestandteil jeglicher Gegenwehr. Sie sind die Uniform derer, die gegen die Uniformierung antreten. Bedruckte T-Shirts sind das Emblem des Einspruches, das Medium der Mitbestimmung. Sie machen Personen zu Plakaten des Protests. Ohne T-Shirts brauch man garnicht erst anzufangen. Erinnern Sie sich an Che Guevara’s Vornamen? Na, na? War’s Emil? War’s Egon? Oder war’s Ernesto? Oder doch nur El Che? ABER das Che-Shirt haben sie sofort vor Augen, geben Sie’s zu!