Grippe, Erkältung oder Anzeichen von Aussterben?

Wenn man alle Motivationszitate der digitalen Welt zu ihrer Essenz runterkocht, kommt man auf den kleinsten gemeinsamen Nenner: „Wer atmet ist ein Held“. An diesem zugegeben äußerst niedrigen Maßstab gemessen, bin leider im Moment alles andere als heldinnenhaft. Denn ich habe die gefühlt schlimmste Grippe seit dem Sieg der westlichen Welt über die Tuberkulose. Das ist selbstverständlich völlig übertrieben, aber wenn man Google fragt, worauf furchtbare Müdigkeit, Fieber, Kopfschmerzen, Husten und verschlossene Atemwege hinweisen könnten, zieht die Suchmaschine schleimige, grüne Informationsklümpchen durch sein eigenes Nadelöhr und hustet der Suchenden Ergebnisse auf die Brust, die Waldsterben und Klimawandel wie einen Pups erscheinen lassen.

Und da ist das Problem mit dem Internet. Es ist alles immer gleich ganz furchtbar. Das Internet möchte immer beweisen, dass es eine noch viel überraschendere, spannendere und erstaunlichere Möglichkeit gibt, einen Sachverhalt zu betrachten. Von Heile Welt auf What the Fuck schießt mich das Netz in weniger als 3 Sekunden. Doch wie in Star Wars, gibt es nicht nur eine dunkle Seite, sondern Gott sei Dank auch Dinosaurier im Internet! Das ist gut. Denn das ist meine Medizin. Schon als Kind habe ich mir krank zu Hause liegend, immer wieder Jurassic Park reingezogen und mir von meinen Eltern Dino-Figuren schenken lassen. Im Nachhinein finde ich es etwas paradox, sich während man krank ist mit einer Art zu befassen, die gänzlich ausgestorben ist. Vielleicht war das aber auch gerade mein Trost.

 

Und so bin ich begeistert und würde laut lachen, wenn ich dafür genug Luft, durch meine entzündeten Stimmbänder pressen könnte. Denn das Internet schenkt mir meine Medizin: „TrexTuesday“! Ein paar Jungs in T-Rex-Kostümen filmen sich jeden Dienstag bei Dingen, die Menschen so tun; nicht Menschen wie ich, denn ich kann kein Parcour und bin viel zu erkältet um Eislaufen zu gehen oder durch die Welt zu rennen…

Gute Besserung liebe Dinos, vielleicht klappt das mit der Evolution ja doch nochmal.

Neu ist alt ist neuer ist älter ist hauptsache sexy

Manchmal beschleicht mich die Angst wir stecken in unseren eigenen Endlosschleifen. Dass der Alltag redundant ist, zeigt sich an so unvorteilhaften Kausalverkettung wie Samstag, Sonntag, Montag, usw. Aber auch darüber hinaus, kommen wir manchmal nicht voran, weder als Individuen noch als Spezies. Ein Trugbild im Hamsterrad ist dabei etwas, mit dem ich berufsbedingt beschäftigen muss: Zielgruppen. An einem durchschnittlichen Tag Montag gehen mir mindestens 9 Zielgruppen-Analyse durch den Kopf und manche auch über die Tastatur durch den Rechner. Ich bin so darauf getrimmt, dass ich die Menschen in der Bahn in Konsumgruppen einteile, je nachdem was sie lesen, essen oder anhaben. Andere Leute vertreiben sich die Zeit mit Kreuzworträtseln, ich mir mit Marktsegementierungen. Das wird durch Magazine, die sich selbst Fachliteratur nennen (KEIN Qualitätsmerkmal!!), angeheizt und in denen immer wieder die Rede von „neuen“ Zielgruppen ist, die irgendwer ganz Leichhardt-gleich entdeckt werden, wie bislang unbekannte Volksgruppen, auf unbetretenen Kontinenten.

Das führt im Übertragenen zu einer chronischen Markenikratitis. Wie sich bei der Bauchspeicheldrüsenentzündung das Organ selbst verdaut, wird auch eine immer gleiche neu-entdeckte Zielgruppe mit immer gleichen neuen Produkten bis hin zum Exitus überfüttert.

Das ist so, damit Menschen, wie ich auch am Warenzyklus teilhaben können. Denn es gibt viel mehr Menschen, die mit Marketing ihr Geld verdienen, als es zu bewerbende Neuheiten gibt. Ich wünsche mir aber ganz ganz ehrlich NEUES, spannendes, nie dagewesenes, nicht nur zum Anfassen und Aufessen, sondern auch zum Lesen. Darum bin ich sehr traurig, dass ich es in diesem Jahr nicht zur Frankfurter Buchmesse geschafft habe und nun nur Artikel finde, in denen angepriesen wird, wie wunderbar sich Self-Publishing-Autor_innen selbst vermarkten, wie sie die angeblich nächste Daseinsstufe erreichen: Mensch – Marke – und irgendwann kommt das MIRvana, wo sich alles nur noch um sich selbst dreht bis in alle Endlosigkeit.

Ich feiere die Tatsache, dass jede und jeder, der eine Geschichte erzählen möchte, dies nun tun kann als tatsächliche Chance für die Entdeckung von neuen Welten! Ich begrüße die Profitgeilheit Amazons mit offenen Armen, weil ich hoffe, dass trotz aller Lust auf Cash, vielleicht auch ein bisschen Raum für Kunst ist, weil der Hippie in meinem Herzen sich einredet, dass nun Menschen schreiben, die es eben nicht für eine Zielgruppe tun, sondern weil sie etwas sagen wollen. Ich finde aber nur Beiträge in den großen Nachrichtenspalten, in denen beschrieben wird, wie erfolgreich sich die neue Autor_innengeneration vermarketet, indem sie eben den Zahn der Zeit treffen, genau das liefern, was, die neuen Zielgruppen lesen wollen. Sie liefern das wovon ich heute noch nicht weiß, dass ich es morgen haben wollen werde, die Objekte, die ich mir ans Ende der Strecke meines Hamsterrads hängen kann. Die Zeit ist ziemlich zahnlos und neue Zielgruppen gab es noch nie und wird es auch nie geben. Es gibt Menschen, denen etwas gefällt oder nicht und es gibt Menschen, die bereit sind für etwas Geld auszutauschen oder eben nicht. Alles, was ich zu den Autor_innen, zu denen ich nun selbst auch gehöre, grade lese, besorgt mich sehr. Denn ich kann mit dem Erwartungsdruck etwas liefern zu müssen, dass ja eigentlich gar keiner will, nicht umgehen, zumindest nicht privat. Wenn man mir dafür ein gutes Gehalt zahlt natürlich schon, darauf bin ich getrimmt.

Vielleicht lese ich aber auch nur die falschen Zeitungsdomains. Hat jemanden einen Tipp oder einen alternativen Erlebnisbericht für mich, etwas für die Zielgruppe Immerabgelenkt?

Cupcakes, Konsum, Kritik und der Grund dafür, dass ich diese Worte mit Kommas trennen muss

Dieser Blogpost sollte eigentlich eine Konsum-Sozial-Kritisches Analyse der Erfahrungen des Tages des Guten Lebens werden, mit dem Fazit, dass sämtliche Menschen dieser Gesellschaft, oder doch zumindest meiner nicht-repräsentativen, slightly überhipsterten, aber alternden Nachbarschaft, mit latenter Konsumparanoia infiziert sind. Erst hätte ich die Symptome beschrieben. Im Zuge dessen meine Anamnese bewiesen und letztlich DAS Heilmittel vorgeschlagen und auf diesem Wege mein glutenfreies Cupcake Backbuch schleichwerblich angepriesen. Es wäre die perfekte Verknüpfung von Konsum-Sozial-Kritik und Kaufaufforderung gewesen! Erst Awareness schaffen bis sich alle hungrig fühlen und dann Abverkauf. So sollte das laufen!

Doch das Internet hat mich überlistet. Um zu überprüfen, ob nicht schon jemand anderes, die von mir erfundene Erkrankung beschrieben hat, gerne auch mit einem schöneren Titel als Konsumparanoia, tippte ich die Worte Konsum+Paranoia in die heiligste aller Suchmaschinen. Und jetzt denkt Google ich hätte ein Drogenproblem und verfolgt mich mit Ratschlägen dazu, wie ich meinen Rauschgiftkonsum minimieren kann. Dass mir Mittel und Dienste, die dabei helfen sollen, nun quer durchs Web folgen, ist für die mir von der Suchmaschine zugeschriebenen Paranoia nicht dienlich. Erst Awareness schaffen und so lange drauf einwerben bis zum Abverkauf. Google kennt das Spiel. Aber ich auch. So einfach, lasse ich mich nicht beeinflussen! An einem Donnerstag oder Freitag vielleicht, aber nicht an einem Montag!

Versuche ich links abzubiegen, zu Onkel Maike und meinen Cupcakes zum Karma-Cleaning, um von da aus in Ruhe, ohne Drogen und Verfolgungswahn doch noch meine Story zu tellen, steige ich im Radar der Neo-Stasis der NSA von der Konsumentin zur Produzentin auf. Dabei waren in den Küchlein doch nur drogenfreie und glutenfreie Zutaten! Okay, der alkoholfreie Cocktail, den der Onkel und ich verschenkt haben, hatte Alkohol, aber dafür hat er ja nicht geschmeckt! Und Rhabarbersekt ist legal! Was er, gemessen am Geschmack, vielleicht nicht sein sollte, liebes Verfassungsgericht! Ihr lest ja sicher auch längt mit.

Nicht legal schien es hingegen an diesem Straßenfesttag vielen Kund_innen unserer antikapitalistischen Ehrenfelder Enklave, dass wir für Cupcakes und Getränke kein Geld wollten. Das Prinzip des „Verschenkens statt Handelns“ initiierte statistisch nicht evaluiert in 8,36 von 10 Fällen Verwirrung. Es wäre wissenschaftlich durchaus interessant zu erforschen, wie viel Menschen bereit sind für etwas zu zahlen, das man ihnen schenken will und wie hoch die Einnahmen ausfallen, wenn man, wie in unserem Falle, kein Geld annimmt. Unsere Einnahmen belaufen sich auf gut 5 Euro. Damit sind wir 10000000% über dem Umsatzziel von den angepeilten 0,00 Euro. Ein voller Erfolg!

 

Wer am Tag des Guten Lebens keinen glutenfreien Cupcake abbekommen hat oder einen abbekommen hat, aber nicht damit klar kommt, dass er/sie dafür kein Geld eintauschen konnte, sollte für 9,95 bei Amazon mein Cupcake-Buch kaufen. Das gibt es nicht geschenkt!

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Die Rezepte sind mindestens so lecker, wie das Cover!

Liebe ist also doch nur eine Krankheit

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Der Valentinstag ist der Tag der Liebe, insbesondere der Liebe zum Konsum. Ein fabelhafter Tag also. Da es aber außer diesem besonderen Valentinstag im Februar noch x andere verpflichtende Daten gibt, an denen man sich beschenken muss, gehen dem einen oder anderen manchmal die Ideen aus. Glücklicherweise bietet das Internet, mit seiner unendlichen Anzahl von Handelsgeschäften, die rund um die Uhr offen stehen, Hilfe.

Man muss nicht mal eine Hose anziehen, um für die Romantik vorzusorgen. Blumen kann man online bestellen und zur Haustür der Liebsten liefern lassen. Schmuck gibt’s auch im Onlineshop mit 100% pseudoindividualistischem Kitschcharakter, wenn gewünscht und alles andere auch. All die Berge von Geschenken kommen zum onlinebestellenden Propheten.

 Jetzt am Valentinstag überschlagen sich darum auch die Geschenkevorschlagenden Emails, die in meinem digitalen Postfach landen. Und darunter war heute Morgen eine, die ich mir ausführlicher ansah; die meiner präferierten Online-Apotheke.

Während ich Kleidung am liebsten im Laden anprobiere, meide ich Apotheken wie Katzen das Wasser. Denn in Apotheken gibt’s mehr Viren und Bakterien als Pillen dagegen. Meine Toleranzgrenze für fremde Intimität und damit verbunden, die Möglichkeit mir was einzufangen, findet in der Supermarktschlange sein Limit. Die Apothekenkassenschlange ist der Superlativ dieser gesundheitsgefährdenden Keimzone, ein viral-bakterielles Epizentrum.

Darum ordere ich Medikamente, lieber noch als alle anderen Güter, im Internet. Als ich nun aber heute den Valentinstagsnewsletter bekam, fand ich das doch ein bisschen too much.

Andererseits ist das Aspirin in der Angebots-Großpackung, das darin als Valentinsangebot vorgestellt wird, vielleicht das besteste Geschenk, das man am Tag der gezwungen Romantik machen kann. Tabletten gegen Migräne kamen nach ein wenig Scrollen zum Vorschein. Weiter unten gab’s dann auch noch Fläschchen mit Zutaten für ein romantisches Wellnessbad …und Nasenspray, alles liebesvoll preislich reduziert, mit kleinen Herzchen als Spar-Prozentzeichen.

Je länger ich nun darüber nachdenke, desto stärker bildet sich ein Gesamtbild. Der ideale Valentinstag sieht, laut Online-Apotheke, also folgender Maßen aus: Ich hau mir die Birne mit Kopfschmerz- und Migränepillen zu und leg mich Nasenspray-Schnupfend in ein heißes, nach Mandelblüten duftendes Schaumbad. Tatsächlich wohl nicht das miesteste, was man am Tag der Liebe tun kann.

Vielleicht sollte ich die Damen und Herren meiner Apotheke in Zukunft immer konsultieren. Zum Beispiel um Urlaubsplanungsvorschlag einzufordern. Statt im Sommer irgendwo hin zu fliegen, gibt’s doch sicher auch Wärmepads, die sonnenbrandgleiche Verbrennungen hervorrufen und meinen Hustensaft trink ich mit Cocktailschirmchen.

Aber erst mal ist ja Valentinstag und ich kann mich nicht entscheiden, was stärker ausdrückt „Ich liebe dich“: Zinkkapsel oder Abführtabletten? Oder doch das Zeug gegen Herpes? 

Modetrend: Malabsorbtion

Nach der fröhlichen Feiertragsfresserei strahlten mich heute morgen die Frauenzeitschriften im Supermarkt so sehr an, dass ich Zweieurofuffzig statt in gesunde Möhrchen in ein gesundheitsthematiserendes Magazin investierte. Denn in der fit for fun sollten die besten Trend-Diäten investigiert werden. Und außerdem hoffte ich auf ein frauenzeitschriftstypisches Horoskop, das mir zusicherte, mich nicht zu stressen müsse und dass meine Zukunft breitpink und erfolgreich aussehe. Das Horoskop hab ich nicht gefunden. Dafür schon wieder Krankheiten. Um genau zu sein, MEINE (!!!)Krankheit.

Nein, kein ADHS…das hab ich nicht, auch wenn das manchmal so wirkt. Ich könnte jederzeit aufhören mit dem Abgelenktsein! Jederzeit!!! Wenn ich wollte. Aber ich will nicht! Weil ich KEIN PROBLEM HABE!!! Jawohl! Wo war ich nochmal? Worum ging es? Achja, die Trend Diäten. Neben Trennkost und Steinzeitkost hypte der Artikel nämlich “Glutenfrei”, als neuen Diät Trend aus den USA.

Typisch. Ich bin mal wieder trendy, bevor es zum Trend wird. Früher wurden Krankheiten diagnositiziert und attestiert, jetzt müssen wir sie uns pattentieren lassen. Jajaja, eigentlich beweist es wohl nur wieder, dass ich cool bin. Total. Biologisch cool, weil mein Körper sich längst vor dem Trend geweigert hat glutenhaltiges zu verarbeiten. Ich bin quasi ein Trend-Orakel! Das ist besser als Horoskope, oder?

Okay, ich versprech’s euch. Ich sag Bescheid, wenn mir das nächste mal übel wird…