Baking for Attention – ein Hilferuf

Es ist ein Fluch, der mich jedes Jahr wieder einholt, ungefähr um diese Jahreszeit. Wenn es kalt und dunkel draußen ist, drehe ich den Ofen auf und kurz darauf bin ich in der Küche gefangen. Ich leide unter einer Krankheit, die ich selbst BFA-Syndrom nenne: Baking for Attention. Meist beginnt es schleichend, am ersten oder zweiten Adventswochenende, mit ein paar Keksen. „Das macht ja jeder, das ist ja ganz normal“, rede ich mir dann selbst noch zu.

Dann kommen die Festtage, an denen Cupcakes und Kuchen gern gegessene Nachspeisen sind. „Solange keiner was merkt, gibt es auch keinen Grund zur Unruhe“, beschwichtigt das Teigknetende Ego mein Über-Ich. Das packt schon mal den Koffer guter Hoffnungen für den Weg nach unten.

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Es folgen Geburtstage von FreundInnen und spätestens hier spüre ich, wie die quickenden „Oh, wie süß! Oh, wie lecker!“-Rufe mein nach Aufmerksamkeit und Komplimenten lechzendes Ego aufgehen lassen, wie einen Hefeteig. Das wäre nicht weiter problematisch, könnte ich denn einfach aufhören. Aber eben das kann ich nicht. Tatsächlich kann ich andere Dinge ganz besonders gut, besser und schneller als andere, weil ich das eine eben nicht kann: aufhören.

Das war nicht immer so. Früher habe ich nicht gebacken. Ich glaube ich fand backen sogar doof. Als ich mit Anfang zwanzig kein Getreide mehr verdauen konnte, versuchte ich die Herstellung glutenfreien Gebäcks und scheiterte furchtbar. Aber beim ersten Zug an der Kippe, schmeckt es ja auch nicht und der erste Schluck Alkohol ist immer bitter.

Dann hatte ich es plötzlich raus. Ich erinnere mich noch an meinen ersten gelungen fluffigen Cupcake. Und was passierte dann? Ich backte weiter und weiter und weiter. Zwei Monate später hatte ich meinen Freundeskreis über Wochen mit bunten Küchlein in allen Geschmacksrichtungen versorgt und genug Rezepte für ein glutenfreies Cupcake-Backbuch zusammen.

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Dieses Jahr fühlt es sich noch schlimmer an, als je zuvor und schuld ist Instagram. Die Likes für meine Backbilder sind direkt mit dem Belohnungszentrum in meinem Gehirn gekoppelt. Das verstärkt das BFA enorm. Außerdem hatte ich mich bisher immer an die lockeren, gesellschaftsfähigen Stoffe gehalten: Cupcakes, Kuchen, Kekse. Doch gestern kam dann das krasse Zeug aus meinem Ofen: Zitronen-Baiser-Tartelette. Heute backte ich schon glutenfreien Hefeteig. Ich hege die begründete Befürchtung, dass es nur ein ganz kleiner Schritt zu Soufflé oder gar Croquembouche ist.

Das muss aufhören. Aber ich weiß noch nicht wie. Mein innerer Therapeut argumentiert, ich solle mir einen Ersatz für das Backen suchen, vielleicht MDMA oder Heroin. Aber vermutlich lande ich auch dann wieder in der Küche, weil es für glutenfreies Ecstasy auf Instagram bestimmt noch mehr Likes gibt. Ich brauche ein besseres Rezept für meinen Entzug, aber weder Chefkoch noch Pinterest sind was das angeht besonders inspirierend. Was mach ich nur? Kennt jemand von euch, lieben Leserinnen und Lesern, eine geheime Zutat, die mir helfen könnte? Ich hätte gerade glutenfreie Mohnschnecken im Tausch anzubieten.

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Neue Freiheiten

Wir fanden ja kürzlich heraus, dass ich mit meiner Nahrungsaufnahmestörung aka Zöliakie voll trendy bin. Zöliakie, das ist Getreidezölibat, für alle, die es nicht wikipedian wollen. Getreide hat nämlich ein Eiweiß, dass in meinem Inneren für Chaos sorgt. Und nun, nun hat auch die Werbe- und Frauenzeitschriftenindustrie das gemeine Gluten als Gift entdeckt. Mit dem sie jetzt dem Mainstream die Brötchen unter der Butter wegnehmen. Auch REWE hat plötzlich, kurz nach den Promis, die glutenfreien Güterinnovationen für sich entdeckten und ein ganzes glutenfreies Sortiment aus Reismehl und Co. gezaubert. Mich sollte es eigentlich freuen und nicht frustrieren, dass so Aufmerksamkeit auf mein bis dato Nischenproblem geschleudert wird und ich lauter neue Dinge vor den Einkaufswagen gesetzt bekomme, die ich kaufen und kotzfrei konsumieren kann. Aber irgendwie blubbert’s in meinem Bauch kritisch, wenn ich daran denken nun Unterhaltungen zu überhören, in denen es um die Modeerscheinung glutenfrei geht und ich von Ernährungstipps lese, die Glutenverzicht als Abnehmtrend loben.

Glutenfrei ist das neue Diätsiegel. Das wurde mir denn auch heute morgen explizit erklärt, als Du Darfst (Du Darfst, das Epizentrum der Kernkompetenz Kalorienkunde Konsumbewegung) im Fernsehen verkündete “Fuck the Diet”. Fehlte nur noch die Meldung in den Nachrichten, dass Berlusconi nun gegen Korruption vorgehen will und dabei von der Mafia unterstützt würde. Und selbst das kommt noch nicht an das Oxymoron Du Darfst und Fuck the Diet ran.

Aus Erfahrungswerten weiß ich, dass man als WerbetexterIn kaum Zeit hat, sich wirklich mit den Produkten, um die es geht zu beschäftigen. Aber hier müssen doch Unterlagen vertauscht worden sein??!

Aber gut, nehmen wir es als Fakt, hypothetischen Fakt, vorerst, Du Darfst praesumitur bonus donec probetur Malus, ausnahmsweise. Zurück also zum Gedankenspiel, zur potentiellen Parallelwelt, die sich den diätgeschulten Einkäuferinnen und Einkäufern nun bietet: Die Jagd auf leere Diätversprechungen durch Lebensmittelüberwachungsorganisationen wie z.B. Foodwatch (alias die Guten) hat dazu geführt, dass Diet nicht länger als kühlregalfähiges Label funktioniert. Denn wider erwarten des Verpackungsetiketts werden wir davon nicht dünner.

Auf den Plan treten darum die Gluten! Das klingt fast wie “die Guten”, das sind aber die Bösen. Zumindest in dieser Werbewelt. Denn der Großteil der Menschheit hat kein Problem mit Weizen, Roggen, Gerste und all den Gewächsen aus denen Teigwaren hergestellt werden. Nur Menschen wie ich und noch ein paar wenige andere, die müssen davon kotzen und andere eklige Dinge tun. Ganz eklige Dinge. Stundenlang. Nächtelang. Zöliakie ist nicht Halma, meine Lieben. Wirklich nicht. Ich wünsche diese Krankheit niemanden und würde keiner/keinem Zöliakie als Lebensstil empfehlen. DAS aber machen Medien (die ich natürlich nur zufällig in die Hände bekommen und NIE regulär lesen würde) wie Bild und fit for fun.

Kranksein ist der neue Gesundheitstrend. Weil Kranke besser auf ihre Gesundheit achten? Oder weil wir vom Überangebot an Nahrungsmitteln so gelangweilt sind, dass wir uns nach Einschränkungen sehnen? Dann sind wir tatsächlich krank. Übel krank. Mir ist auch schon wieder ganz schlecht….