Sparsamkeit statt Spannung bitte

Obwohl ich selbst immer wieder normwidrig mit unseren schönen Sprache und ihrer Zeichensetzung umgehe, übe ich gerne Kritik an der Verwendung bestimmter Begriffe, Idiome und der Verwendung meines Vornames am Anfang einer Aufforderung ohne vorgestellte verfreundschaftelnde Begrüßung. Die Bezeichnung für ein derartiges Handeln darf man übrigens ganz Definitionsgerecht als Doppelmoral benennen. Im Moment umschwirrt meine Ohren wieder ein Wort, das ich so häufig bar jedes Kontextes vernehmen muss, dass ich beginne es auch ganz kontextfrei als Füllwort in meine Sätze integrieren. „Spannend“ ist nicht erst seit kurzem en vogue. Doch zur Zeit hat dieses Wort eine verbale Reproduktionrate  in meinem beruflichen Umfeld, an die nicht mal Kaninchen im Kölner Grüngürtel  ran reichen.

Immer häufiger ertappe ich mich dabei, wie ich Dinge mit dem Adjektiv beschreibe, die jeglicher Spannung von Natur aus entbehren, zum Beispiel meine Arbeit. Da ich weder Unfallchirurgin noch Kommissarin bin, ist das, was ich mache nun wirklich nicht „spannend“. Für Spannung in meinem Alltag, müsste ich schon die Finger in die Steckdose halten. Dennoch reden alle mir und sich ein. „Total spannend.“ „Ein ganz spannendes Projekt.“ „Wir sind da in einem ganz spannenden Prozess.“ „Ich bin total gespannt,…“. „Das stelle ich mir spannend vor.“

Nein. Nein. Nein. Nein und wirklich nein.  Solange hier jemand aus ungeklärten Gründen zu Tode kommt, gibt’s hier keine Krimis zu erleben. Das Wort ist derweil in meiner Wahrnehmung verbraucht. Statt spannend höre ich: „Es gibt eigentlich keine Grundlage für unser Gespräch über dieses Thema. Alle Aufgaben sind verteilt und alle Ziele festgelegt, aber um dennoch den Mund nicht schließen zu müssen, aus Angst, dass über die Nase vielleicht nicht genug Sauerstoff in die Lunge kommt, sprechen wir weiter und versichern uns gegenseitig unserer Motivation hinsichtlich der Sache, über die es nichts mehr zu sagen gibt, aber der wir zustimmen. Und während wir weiter so vor uns hin spannen, passiert ja vielleicht tatsächlich was, das dem Adjektiv gerecht wird. Vielleicht wird ja grad draußen eins der Kaninchen von einem Hund gejagt und so eine Treibjagd ist ja immerhin ein Ereignis mit unbekanntem Ausgang und das ist nun wirklich etwas, dass spannend ist. Bis so etwas passiert, behalten wir das Wort im Sprachgebrauch, damit wir es auf der Zunge haben, wenn wir es gebrauchen können.“

Fortsetzung folgt….

Nein, nicht wirklich, ich wollte es nur spannend machen.  Die Geschichte ist hier zu Ende.

17 Gedanken zu “Sparsamkeit statt Spannung bitte

  1. So geht es mir mit dem Wort „total“.
    Das hat sich offensichtlich zu einem total allgemeinen Füllwort entwickelt.
    Wenn das heute nochmal jemand in meiner Gegenwart in den Mund nimmt, dann schrei ich total! Echt .

  2. Ist es wohl möglich, dass vor lauter Gepolter mit dem Wort spannend kleine oder sogar etwas größere Ereignisse, die spannend sind, übertönt werden? 😉
    Bei mir wechseln die „Unwörter“ häufiger. Dazu gehörten z. B. definitiv total und Relativierungen wie relativ.

  3. ich erwische mich ganz oft wie ich sage: aaah coool. eifnach weil ich manchmal nicht weiss, was ich sonst sagen soll und zweitens weil es sich so eingebürgert hat 😉

  4. Juliane,
    total spannend!
    Du alte Rechtschreibanarchobraut! Ich nehme die Sprache, die mir auf der Arbeit begegnet, zunehmend wie eine sehr weit von der Realität entfernte Hülse vor. Damen zum Beispiel haben die Eigenschaft immer nett zu sprechen obwohl sie nicht immer nett denken: „Total spannend Deine neue Stelle/total lecker Dein Kuchen“ sagen sie und meinen „Boah bin ich froh, dass ich den scheiß Job nicht machen muss“ oder auch „Scheiß Kuchen, sie wird niemals einen Mann finden, wenn sie nicht besser backen lernt“.

    • Ich wünsche mir einen Feiertag der Wahrheit. Vermutlich würde an diesem Tag krieg ausbrechen, wenn wir bis dahin nicht dieses Gedächtnis-Blitz-dings von Man in Black erfunden haben, aber ein ehrliches Nicht-Lächeln würde meinen Mundwinkeln mal besser tun als das ständige „Ach, das ist ja spannend-Grinsen“. Es wär dann auch okay, wenn ich am Ende des Tages heule. 🙂

  5. Laut Duden gilt „spannend“ als Synonym für „interessant“.
    Während Spannung durchaus objektiv einschätzbar sein kann, erregt des Individuums Interesse an besonders unspannenden Tagen bisweilen bereits die sprichwörtliche Fliege an der Wand.

    Krimis sind nebenbei bemerkt aus meiner Sicht wesentlich häufiger interessant als spannend.

  6. Interessant. Ne, also echt. Total spannend. Voll cool und irgendwie krass. Definitiv! … Man kann ja auch Spaß mit Worthülsen haben. Mit Leuten, die ähnlich eingestellt sind, kann man das schöne „wer findet die leerste Vokabel“-Spiel spielen. Und die andern… die merken die Leere wahrscheinlich nicht mal.

  7. Ich kann jetzt auch erklären, wieso: Ein Mann, der sagt, er habe eine „spannende“ Frau kennengelernt, impliziert ja, dass er selber spannend ist – er ist ja in der Lage, das „Spannende“ zu erkennen und legt nahe, dass zwischen ihm und der Frau „spannende Dinge“ werden passieren können. Außergewöhnliche Dinge vermutlich. In echt ist er aber nur ein schnöder Langweiler.

    • Is doch Unfug, Onkel.
      Wenn ich z.B. als grausame Laune der Natur ne hübsche Frau kennenlerne, halte ich mich selber nich automatisch auch für hübsch, bin dabei natürlich trotzdem in der Lage, Schönheit zu identifizieren.
      Was zwischen mir und der hübschen Frau passieren wird oder auch nicht, hängt indeß nicht zwangsläufig von optischen Reizen ab.
      Zumal sowohl Schönheit als auch Außergewöhnliches immer im Auge des Betrachters liegen.

      • Haha, auch wenns nicht so gemeint ist „Is doch Unfug, Onkel.“ klingt irgendwie nett für mich. Ich möchte Dir in Teilen Recht geben. Zwar finde ich, dass „schön“ und „spannend“ grundsätzlich nicht vergleichbar sind. Damit „Spannung“ passiert ist für mein Begriffsverständnis mehr Gegenseitigkeit erforderlich. Andererseits würde ich vielleicht auch sagen: „Das Leben von Person XY ist viel spannender als meins“. Ich habe aber halt diese gewisse Kategorie Herren im Auge, die ich so verstehe, dass sie wenn sie über spannende Frauen sprechen, eigentlich sich selber meinen. Vielleicht tue ich ihnen Unrecht.

  8. Vielleicht.

    Diese „gewisse Kategorie“ ist übrigens auch unter Frauen durchaus existent. Ich denke sogar, daß Frauen das eigene Verständnis von „Spannung“ häufiger in allgemeingültige Parameter gießen mögen als Männer.
    Das Konzept der „Spannung“, die Begrifflichkeit und der Wert, der beidem zugeschrieben wird, sind, sollten meine Erfahrungswerte auch nur im Ansatz repräsentative Züge in sich bergen, ein durch und durch feminines Phänomen. Kerle unter sich benutzen den Begriff „Spannung“ nahezu ausschließlich in cineastischem Kontext.

  9. Aha. So kommen wir der Wahrheit näher. Ich bestreite nicht, dass es unter den Frauen genauso viele Dummschwätzer gibt, wie unter den Männern. Und Männer reden über „spannende“ Frauen nur mit anderen Frauen? Das wundert mich nicht, passt doch zu meiner These, dass sie wiederum diese anderen Frauen beeindrucken wollen.

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