Ignoranz – die neue Höflichkeit

Menschen, die auf andere Menschen hören finde ich meistens höchst langweilig. Dabei habe ich selbst oft die Stimmen meiner Eltern im Ohr, wenn ich bei Rot über die Ampel gehe, mir noch eine zweite Portion Eis nehme, obwohl ich längst satt bin oder ich mich ohne Sonnenschutz auf die Wiese lege. Ich bin mir nicht sicher, ob ich als „wohlerzogen“ qualifiziere, glaube aber auch, dass die Kriterien hierfür sich regelmäßig selbst reformieren. Die Regeln der Höflichkeit müssen sich ja auch weiterentwickeln, weil sich die Situationen, in denen man sich daneben benehmen kann, vermehren und verändern.

Doch gestern, als ich dann im DM stand, um mir vernünftigerweise – aber eigentlich viel zu spät, denn die Haut blättert bereits auf meiner Schulter ab – Sonnencreme zu kaufen, wurde ich Zeugin der Knigge Generationen Disparität (KGD). In einem Teil des Ladens warb ein kleiner Junge um die Aufmerksamkeit seiner Eltern, in dem er seinen kleinen Einkaufswagen gegen jedes Regal und Bein im Drogeriemarkt rammte und dabei so laut schrie, wie es die Organe eines Vierjährigen zulassen. Zu seiner Enttäuschung wurde diese öffentliche Performance von allen Seiten mit Ignoranz bedacht, auch von seinen Eltern. Auch ich hüpfte schnell zur Seite und übte mich in höflicher Ignoranz. Da macht jemand was Doofes, Aaggressives Zerstörerisches… da guck ich lieber mal weg und tu so, als wäre nix – noch ein Generationen-Thema, aber eins für einen anderen Blogbeitrag.

Zur etwa gleichen Zeit stand an der Kasse ein etwa 80-jähriger Herr, der sich in freundlichster Form bei der Kassieren bedankte, ihr noch einen schönen Tag wünschte, seinen Sachen zusammenpackte und sich nochmal bedankte. Ich glaube sogar wahrgenommen zu haben, wie er den Kopf leicht senkte, als wolle er einen imaginären Hut anheben. Auch sein Verhalten war für den Mikrokosmos Drogeriemarkt völlig überzogen und alle umstehenden guckten erst irritiert und dann weg.

Ausgehend davon, dass DM-Produkte keine lebensverlängernde Wirkung haben, antizipiere ich, dass dieser Herr in den kommenden Jahren von der Welt verschwinden wird und mit ihm seine Umgangsformen. Der kleine Junge mit dem Aufmerksamkeitsdefizit und dem hohem Aggressionspotenzial hingegen wird größer werden und vermutlich Komplexe ausbilden, die ihn dazu bringen, noch eifriger um die Aufmerksamkeit seiner Mitmenschen zu kämpfen. Denn er wird weiter ignoriert werden. Ignorieren ist die aktuell meistgenutzte Umgangsform. Wir ignorieren Emails und Anrufe, auf die wir nicht antworten wollen. Wir ignorieren Freundschaftsanfragen, von Menschen, mit denen wir nicht befreundet sein wollen – z.B. weil wir mit ihnen verwandt sind. Und vor allem Ignorieren wir Unhöflichkeit.

Vor ein paar Jahren wurde die Epoche der Prokrastination ausgerufen. Ich glaube inzwischen sind wir viel, viel weiter. Wir schieben Probleme nicht mehr vor uns her, wir tun so, als wären sie gar nicht da und gehen einfach an dem unüberhörbar lauten Blag vorbei und überlassen das Problem denen, die nach uns kommen. Blöd nur, wenn das eben genau die sind, die nach uns kommen… 

18 Gedanken zu “Ignoranz – die neue Höflichkeit

  1. Sehr wahr, sehr wahr. Schreikinder im Supermarkt finde ich auch immer sehr schlimm. Allerdings würde ich durchaussagen, dass es da Kausalitäten und Konnexe zwischen dem Verhalten der verschiedenen Generationen gibt. Dass das Kind sich nicht benimmt, ist m. E. den Eltern zuzuschreiben, die ja wiederum eigentlich sehr wohlerzogene Eltern gehabt haben müssen, alles sehr rätselhaft.

  2. Da sprichst du etwas Wahres aus. Aber mit meinen rudimentären Pädagogikkenntnissen würde ich prophezeien, dass das ein Teufelskreis ist – Mensch will Aufmerksamkeit, benimmt sich deshalb auffällig aggressiv, wird ignoriert -> erreicht also sein Ziel nicht und verstärkt sein Verhalten deshalb. Oder gibt irgendwann frustriert auf und wird selbst ein Ignorierender. Ist doch irgendwie alles nix.

    • ja ein teufelskreis ist das! das hast du sehr gut erkannt! ich denke auch, hätte man das verhalten mit aufmerksamkeit behandelt, hätte der kleine Hooligan gedacht, so kriegt er, was er will… es ist eine komplexe kompliziertheit!

  3. ihr habt keine kinder, oder? 😉 nee ernsthaft: bis zu einem gewissen grad ignoriere ich unangemessenes verhalten auch. der ältere mann entstammtnun einer generation, in der unerwünschtes verhalten noch mit schlägen geahndet wurde. früher war nicht alles besser ist mein kurzes fazit

    • in der tat finde ich auch, dass das verhalten des alten herren ebenfalls deplatziert wirkte, denn es gibt einfach neue formen er höflichkeit. ich mag den modernen, oft lockereren umgang miteinander auch lieber, als ein starres, zum teil überholtes knigge-einhalten und auch das ignorieren des kindes kann ich verstehen. aber das einfach so tun, als ob nicht da, zieht sich auch durch mein digitales leben und es ist so schön einfach, dass ich nachdenken muss, ob es auch gut ist.

      • der alte Herr hat es aber so gelernt. ich finde diese Art der Höflichkeit sehr in Ordnung, auch wenn du meinst es wäre überholt, mir ist lieber es ist jemand übermäßig freundlich als dass mir einer die Tür vor der Nase zuschlägt, wie es heut auch vorkommen kann.
        von den Kindern will ich nicht reden, wie die sich benehmen, kann man eh vergessen, das kommt daher weil die Kids heute schon von Geburt an zu Prinzen und Prinzessinnen erzogen werden. Und einfach sagen, der alte Herr wird sowieso bald von dieser Erde verschwinden, finde ich ziemlich geschmacklos. auch die Jungen von heute werden von der Erde verschwinden irgendwann, nur denken sie heut noch nicht dran. Es lebe der Zentralfriedhof (Wolfgang Ambros)

    • da stimme ich nicht zu. der alte Herr hat sich stur an den Knigge gehalten, den er gelernt hat. Das passte aber schon nicht mehr zur lockeren, jeden-duzenden Dame an der Kasse. Man kann nie zu nett sein! In der Tat! Aber mir geht’s grad um Konventionen, die sich vielleicht doch ändern.

  4. Ja, aber so ein bisschen Diversität ist doch auch wieder schön, soll der alte Mann doch altmodisch sein und das Kind ein bisschen herum schreien. Und das mit dem Ignorieren ist m. E. eine zweischneidige Sache – Einerseits eine schöne Freiheit, sich nur mit den Sachen auseinanderzusetzen, mit denen man das auch will, andererseits eben auch traurig und manchmal etwas erschreckend so gleichgültig nebeneinanderher zu existieren.

  5. wenn der ‚alte herr‘ auch deplatziert gewirkt haben sollte – er tut damit keinem weh. und damit kann er, meiner Meinung nach, überhöflichkorrekt sein wie er will.
    mit dem plärrkind sehe ich das anders. da sollte erziehung doch so weit gehandhabt werden, dass sich dieses kind störungsfrei in die gesellschaft einfügen darf (gut erzogene kinder haben es später leichter im leben).
    und für ein gutes miteinander sollte dies eltern auch mitgeteilt werden (vielleicht haben sie es noch gar nicht gemerkt?). aber wer tut das schon – ich auch nicht. richtig ist das aber auf keinen fall und ärgern tun wir uns auch alle drüber.
    das gleiche gilt übrigens für erwachsene, die einem den einkauswagen an der kasse in die hacken fahren!
    das mit dem ignorieren der e-mails und anrufe ist eher eine art von hilflosigkeit … denn wer verträgt schon die wahrheit?

  6. Meine Güte…für 4jährige ist es im Supermarkt doof und negatives Verhalten muss nicht mit Aufmerksamkeit belohnt werden.
    Habt ihr Kinder? Geht ihr jedes Mal auf die Nerverei ein?
    Sollen Kinder wie dressierte Hündchen sein?
    Und warum sind Erwachsene von so einem pille-palle so schnell genervt?

    Kopfschüttel…..

    • Liebe Leidenschaftlichwidersynnig,

      Fragen über Fragen, darum hier meine Antworten: Nein, Nein, Nein, weil wir sowieso schon überstresst sind. Und zur Verteidung meines eigenen Genervt seins…ditt war schon ein bisschen Vandalismus und Freude an Körpereverletzung, den der kleine da auslebte. In dem Fall wäre es darum vielleicht angebracht, dass man ihm mal seine Rechte vorliest. 🙂 Aber insgesamt ging es mir nicht um ein Urteil, sondern um die Beobachtung.

  7. Unsere Wahrnehmung verwechselt manchmal Ignoranz mit Toleranz. Können wir im anderen nicht nur das erkennen, was uns in der einen oder anderen Form selbst innewohnt? Frage ich mich jetzt gerade.

  8. Toleranz is ja quasi aushalten. Sachen aushalten, die man als unangenehm empfindet, ohne deswegen Theater zu machen.
    Deswegen ist wegguckn im Drogenhandelgeschäft mehr Toleranz als Ignoranz.
    Ignoranz bedeutet … man mekt gar nich, daß da wat los is. Und wenn mans doch mekrt, isses einem wurscht.
    Was einem wurscht is, führt weder zu Beobachtungstendenzen noch zu Blogeinträgen.

    Toleranz wäre demnach die neue Höflichkeit. Ignoranz is in erster Linie ignorant, aber nicht zwingend höflich. Auch nicht zwingend unhöflich. Der Ignoranz wohnt eine gewisse Gleichgültigkeit anheim.
    Gibts das Wort noch? Anheim? Kombiniert man es üblicherweise mit Verben wie „wohnen“? Ich glaube eher, es fällt anheim, was inne wohnt. Oder?

    Hier is ganz allgemein mehr so internetter Weibchenaufstand am Start, wa?
    Ich bin männlich. Es war nicht meine Entscheidung. Verurteilt mich nicht, nur weil ich anders bin.

    • Lieber Samuel, danke für deinen Kommentar und das damit verbundene Interesse zur Diskussion beizutragen. Das Ignoranz-Tolerenz-Begriff-Definitions-ping-pong finde ich sehr spannend. Warum du dich am Ende deines Kommentars ausgegrenzt fühlst, verstehe ich noch nicht. Der Beitrag spielt sich doch in der Diskrimierungskategorie „Altern“ ab, aber gerne können wir auch über „Gender“ sprechen. Das wär ein anderes Thema, aber im Internet ist ja ganz viel Platz für alle Themen. Also red gerne weiter. Ich bin gespannt und höre ganz ohne Ignoranz, ganz tolerant zu. 🙂

  9. Erstmal vielen Dank für Deinen Besuch in meinem Dojo! Zum Beitrag kann man nur sagen: Amen! Mir passierte kürzlich was ähnliches: Während meines ca. 10-minütiges Aufenthaltes im Supermarkt lief mir vom Eingang bis zur Kasse ein 4jähriger Rotzlöffel hinterher und schrie ständig „PAPPA! PAPPA!“ (nein, ich war nicht der Erzeuger des Jungen!). Er schmiss sich sogar vor meinen Einkaufswagen, ich musste dauernd um ihn rum ignorieren. Seine Mutter fand das total lustig und sah nicht den allerkleinsten Grund, die Nervensäge zurückzupfeifen. Ich war wirklich kurz davor, beiden eine zu watschen.
    Begriff „Ignoranz“: Ich bin mir nicht sicher, ob der Begriff hier stimmt. Ich glaube, „Ignoranz“ bedeutet was anderes als „Ignorieren“. Ein Ignorant ist jemand, der offensichtliche Tatsachen nicht akzeptiert. Und, ja, ich weiß: jemand, der anderer Leute Blogeinträge korrigiert, ist ein Klugscheißer. Sorry hierfür 😉

  10. Ich muss zugeben, dass ich genauso Repräsentanten deiner zwei Beispiele ignoriere. Vor allem bei ungezogenen Kindern schaue ich gern weg, aber nicht um mich in Ignoranz zu üben und im Geheimen über sie und ihre Eltern zu urteilen, sondern weil ich selbst oft genug in der Situation der Aufsichtsperson war. Als die Älteste von fünf Geschwistern habe ich bereits zu viele der Geschrei-im-Supermarkt-Situationen erlebt. Oft muss man sich in Erinnerung rufen, dass die Eltern der Kinder bereits zum tausendsten Mal in derselben Situation gelitten und maßgeregelt haben und einfach zum Schluss gekommen sind, dass es eine bessere Lösung ist das Kind zu ignorieren (glaubt es oder nicht – es funktioniert oft tatsächlich). Das Verhalten der Kinder von Fremden zu ignorieren ist oft weniger Ignoranz als der Versuch die Eltern weniger zu beschämen.

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