Glutenfreies Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom: Heilmittel Cupcakes!

Vor einigen Tagen war in Der ZEIT ein Beitrag, der Lebensmittelunverträglichkeiten als „Schrei nach Aufmerksamkeit“ definierte. Nur eine ganz kleine Gruppe, nur ein erlesener Kreis, ja eine fast elitäre Riege, wie es da klang, sei wirklich betroffen… oder sollte ich sagen gesegnet? Die Autorin des Textes Susanne Schäfer beobachtet das inflationäre Auftauchen von Kann-ich-nicht-essen-Essern an ihrem Tisch. Die eine möchte ihre Portion ohne Laktose. Links davon sitzt einer, der verzichtet auf Gluten  und zur Rechten schaufelt der dritte bereits Histamin-Substitut-Produkte in seinen Mund. Essen ist keine einfache Sache. Ab dem Moment, ab dem man von Muttermilch auf andere Quellen umsteigt, wird der Mensch mit einem experimentellen Fail-and-Error-System konfrontiert. „Probier das mal! Und das! Und jammjammmjammm,“ heißt es dann. Aber Jammjammjamm schmeckt nicht und verursacht Bauchschmerzen. Es folgt also frühkindliche der Umstieg auf jammiijammii und wieder glaubt Essender wie Fütternde, das es das ja nun auch nicht gewesen sein kann. Leberwurst war das erste kulinarische Highlight meiner sich aufbauenden komplexen Magenbakterienkulturen, so wird es mir heute zumindest noch überliefert. Die hab ich vom Brot, auf das man sie kulturell bedingterweise streicht, runtergeleckt, als 2jährige. Denn schon damals fand ich Brot nicht lecker. Mehr aber auch nicht. Es zogen also Jahre und Ernährungsweisen ins Land und irgendwann kamen böse Bauchschmerzen, ganz ganz böse Bauchschmerzen und andere Magenregungen dazu, die nicht angenehm waren. Nachdem dann meine inneren Werte mit verschiedenster Kameratechnologie so ausführlich, wie die Promis in der letzten Big Brother Staffel, beobachtet wurden, erklärte man mir, ich solle auf Gluten (das, woraus normales Brot so ist) verzichten und dann ging es mir gut. Und das stimmte und das funktioniert ziemlich gut. So gerne ich im Mittelpunkt stehe, wenn ich Gluten zu mir nehme, möchte ich keine Gesellschaft, außer der von sauberen Sanitäranlagen. Auch fühle ich mich nicht besser oder besonders, wenn ich mit Menschen am Tisch sitze, die „normales“ Essen verdauen können, sondern öfter eher hungrig. Zuletzt war das so in einem süßen Cupcake-Café. Striptease-Club ähnlich hieß es hier für mich: Nur gucken, nicht anfassen!

IMG_8354

Und dann eröffnete  das nächste Cupcake-Café in der Stadt und noch eins und noch eins und sie alle, zieren nun, wie Landmienen, meinen Weg durch Köln! Und nirgends gibt es glutenfreie Cupcakes. Was mich nicht verwundert. Denn glutenfreies Backen ist kein Spaß! Glutenfreies Mehl ändert in Minuten sein Konsistenz und lässt Bäckerin oder Bäcker zurück mit einem bröseligen Klumpen Hartteigmasse, die eher an etwas erinnert, das man zum Häuserbau im Mittelalter verwendet hat, anstatt eines süßes Desserts.

Glutenfreies Backen ist eine Herausforderung und bisher ging das bei mir immer so schief, das ich’s gelassen habe. Bis neulich! Bis zum denkwürdigen Tag, dessen Datum ich mir nicht aufgeschrieben habe, der Tag, an dem es mir gelang fluffige, leckere glutenfreie Cupcakes zu backen, die nicht nur essbar sind, sondern schmecken! Ich ging davon aus, dass es sich dabei um einen Zufall handeln musste und startete eine Testbackgruppe von 24 Mini-Cupcakes. Wieder waren sie fluffig, süß, lecker, voll okay und in meinem glutenverträglichen Freundeskreis nicht als glutenfrei identifizierbar. Es bisschen fühlt man sich dann so, wie es sich anfühlen muss, wenn man den heiligen Gral gefunden hat! Nennt mich also Indiana Jones der glutenfreien Cupcakes! Jihhhaaaa!!

Leider darf ich die Cupcakes als ungelernte gesundheitsverifizierte Nicht-Konditorin nur an meine Freunde verschenken, so erstelle ich gerade ein kleines Backbuch, auf das ich euch aber immerhin einen fotografischen Vorgeschmack geben darf:

darkstormy-reihe

11 Gedanken zu “Glutenfreies Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom: Heilmittel Cupcakes!

  1. ooh, wem erzählst du das..!? ich gehöre auch zu diesem elitären kreis, der nach gefühlten stunden des erklärens und dem darfichessenkärtchen in die küche schicken, sehr gern vor versammelter mannschaft zu hören bekommt: nein, da haben wir leider nichts für sie..“ ich fühle mich dann so auserwählt und ganz besonders. ja, ganz besonders bescheuert fehl am platz.

    bei der backerei ist immer wieder die flüssigkeit entscheidend. da brauchts halt reichlich. und das richtige mehl dazu, auch da habe ich schon einige durch..

    deine cupcakes sehen wundervoll aus – wenn sie auch so schmecken – alles richtig gemacht. sind noch welche da??

    ich konnte mich glücklich schätzen noch bis vor wenigen wochen ein veganes, sowie glutenfreies kleines cafe zu kennen. ach, was war es köstlich. leider musste es schließen.
    jetzt bin ich auch am „nachmachen“.

  2. möchte gerne kurz eine lanze für den ZEIT-artikel brechen: es ging in dem artikel nicht darum, dass alle, die eine medizinisch voll umfänglich diagnostizierte gluten- oder laktose-unverträglichkeit haben, „prinzessin auf der erbse“ oder elitär seien.
    es ging darum, wie viel geld damit gemacht wird, glutenfrei oder laktosefrei als das neue light und für ALLE ohne ausnahme gesünder zu verkaufen, und dass es durchaus menschen (und zwar zahlreiche) gibt, die das entweder unhinterfragt glauben oder einfach ohne irgendeine echte unverträglichkeit oder sonstige diagnose eine gluten- oder laktosefreie „diät“ als individualistisches herausstellungsmerkmal missbrauchen. (ich kannte zb. auch mal einen, der angeblich auf alle möglichen gemüsesorten allergisch war, die aber dann total verträglich waren, wenn sie auf dem billigsten junkfood zu finden waren.)
    ich möchte mit niemandem tauschen, der eine echte unverträglichkeit oder allergie hat – alle diese menschen haben mein tiefempfundenes mitgefühl. das heißt aber nicht, dass für mich ohne eine solche auch gluten- oder laktose-frei the only way to go ist, wenn ich sowohl getreide wie auch kuhmilch wunderbar verdauen kann.

    • Der Artikel hatte durchaus einige richtige Aspekte! Mit dem Marketing ist es aber vielschichtig, denn dank dem, kriege ich mein Mehl jetzt im Supermarkt und muss nicht extra zum biomarkt. Auch sind die Preise die „teuren“ Produkte inzwischen im Preis gesunken, vor zehn Jahren kam ich noch mit leeren Geldbeutel und klrim Einkaufskorb aus dem Reformhaus. Heute kostet mein Mehl im Supermarkt zwar noch immer mehr als das Weizenmehl daneben, aber ich spare die Bahnfahrt zum Fachgeschäft. Auch muss ich inzwischen nicht mehr einen ganzen medizinischen Vortrag halten zu erklären, was mit mir los ist, sondern Zöliakie und Gluten sind bekannt. So Menschen, die ich treffe. Für mich ist der Marketinghype also echt praktisch!

      • Ich bin auch der Meinung, die Problematik liegt eher im Bedürfnis nach Individualität oder einem anderen menschlichen Bezug. Das Vorhandensein der richtigen Lebensmittel ist absolut zu befürworten – ich denke, die Skepsis liegt da eher in der Nähe zu den Bedenken, „Medizin“ zu bewerben. So, wie wick medinight nur Symptome bekämpft, aber als Erkältungsheilmittel promotet wird, kann ein Mensch mit Bauchschmerzen auch etwas anderes haben und wird nicht automatisch gesund von gluten-/laktosefreien Lebensmitteln… Auch, wenn es psychosomatisch so wäre, läge die Problematik eben doch an anderer Stelle.
        Ich mochte an dem Artikel die Beschreibung, dass eine fast aristokratische Empfindlichkeit so zum Ideal in manchen Kreisen wird. Meine Reaktion darauf ist meist, einen völlig irrationalen Stolz auf meine Robustheit und die meines Kindes zu äußern und von deftigen Nachkriegs-Spezialitäten zu schwärmen. 🙂

      • hihi, das ist tatsächlich sehr witzig und doch auch Grund stolz zu sein! 🙂 Ja, wir im Artikel beschrieben, wundert es mich auch manchmal wie viele Menschen inzwischen „freiwillig“ betroffen sind…denn wenn ich wähle könnte, würde ich nicht zu den glutenfreie Varianten greifen. Von den Nudeln zum Beispiel lass ich ganz die Finger, denn die sind einfach nur komisch und gummiartig. Aber vielleicht hast du recht und es ist auch irgendwie ein Anzeichen dafür, dass Menschen heute nicht mehr genug „echte Probleme“ haben und darum jeden Pups und jedes Zwicken zu einer Staatsaffäre machen! 🙂

      • Oh, als jemand mit einem anderen „Zivilisationsproblem“ (war mal länger wg. Burnout in Behandlung) bin ich einfach nur dafür, Probleme richtig zu benennen. Glutenunverträglichkeit = klares körperliches Thema, Magengrimmen aber vielleicht als Reaktion auf psychische Belastung sollte auch kein Stigma sein, sondern als solches erkannt, akzeptiert und behandelt werden. Das Gefühl, als Mensch nicht wertvoll oder einzigartig genug zu sein, ohne eine mehr oder weniger exotische Kondition herbeizudiagnostizieren, sollte dann auch als seelische Problematik wahrgenommen werden.

  3. OOH !! Bitte Bitte schick mir das Rezept per Mail!
    Locker fluffig und glutenfrei? Das klingt fast nach der eierlegenden Wollmilchsau!
    Und meine Mutter würde sich tierisch freuen wenn ich ihr das rezept geben würde. Sie hat Zöliakie.

  4. Ich muss gestehen, dass ich es gerade eine ziemliche Frechheit finde, eine Lebensmittelunverträglichkeit als einen „Schrei nach Aufmerksamkeit“ zu bezeichnen – was kann der oder die Betroffene bitte dafür, dass sie bestimmte Dinge einfach nicht vertragen? Es ist ja nicht so, als ob sie es sich ausgesucht hätten.
    Ich kenne selbst viele mit bestimmten Lebensmittelunverträglichkeiten und wenn ich für die koche oder backe, ist es für mich selbstverständlich, darauf zu achten, keine unverträglichen Produkte zu verwenden. (Ist als Köchin auch immer wieder eine nette Herausforderung und man entdeckt viel Neues dabei)
    Als einen „Schrei nach Aufmerksamkeit“ würde ich eher Vegetarier und Veganer bezeichnen, die dies nur aus modischen Gründen sind und es jedem, aber auch wirklich JEDEM erzählen. Ich hab persönlich kein Problem mit Vegetariern oder Veganern und hab auch nichts, gegen die ein oder andere gepflegte Diskussion zu dem Thema – aber es gibt leider zu viele, die es einfach übertreiben! Ich erzähle ja auch nicht jedem, dass ich Kümmel nicht ausstehen kann – im Restaurant oder wenn ich wo zu Gast bin, werde ich eine Unverträglichkeit, Allergie oder einen Änderungswunsch natürlich erwähnen, dass hat aber nichts mit einem Aufmerksamkeitsdefizit zu tun.

    PS: Deine Cupcakes schauen wirklich zum Anbeißen lecker aus – gibts auch nur die geringste Chance, das Rezept zu bekommen? 🙂

    • Hallo ladymanpants, entschuldige, die verspätete Antwort! das neue Jahr hat so rasant gestartet…aber zu deinem Kommentar: Bitte nicht gegen die Veggies hetzen, auch die hab ich lieb und wenn die etwas nicht essen, weil sie es nicht wollen, das ist das eine entscheidung ist auch voll okay. Freiheit bei der Essenswahl, aber der Zeit Artikel war einfach irgendwie naja…ach, ich sag nix mehr dazu. ist ja alles im alten Jahr. 🙂 Also lassen wir das hinter uns.

      Alle cupcake-Rezepte gibts im Buch: amzn.to/1dPQmrf

      Liebe Grüße und guten Appetit!

      • Hallo 🙂
        Das ist überhaupt kein Problem
        Nein nein, ich hetze nicht gegen Vegetarier, ich ernähre mich teilweise selbst so und hab absolut nichts gegen sie. Es ist jedem überlassen, was er essen möchte und nicht möchte, in dem Rahmen, den er verträgt.
        Nur kenn ich auch Veganer, die versuchen anderen ihre Lebensweise aufzuzwingen und das find ich nicht so toll.
        Ja, der Artikel klingt etwas seltsam ^^
        Eine gute Idee 🙂

        Vielen lieben Dank :))

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s