Spaziergang durch die Anstalt

Sinnloser, witziger Scheiß, where are thou? Wann ist das Internet so langweilig geworden? War das Netz nicht ursprünglich mal der Ort, an dem man jeglichen noch so seltsamen Mist mit Freunden und Kollegen teilte? Die ersten „Deine Mutter“-Sprüche wurden so viral in die ganze Welt verbreitet, genauso Bilder von Haustieren die lustige Sachen machten und Heimvideos davon, wie Kinder von der Schaukel in den Teich und voll auf die Fresse flogen. (Danke, Mama. Das musste die Welt ja wirklich unbedingt sehen. Super.) Das Internet war einst Ort geteilter Geschmacklosigkeiten. Gib dein Niveau an der Tür ab und tritt ein, in die bunte Welt der blickenden, hüpfenden Gifs, die deine damalige Internetverbindung völlig überforderten. Aber das warten, bis die Seite ENDLICH, geladen war, lohnte sich dann manchmal doch. Und selbst wenn eigentlich nicht, dann lachte man halt trotzdem, weil man nun so lange drauf gewartet hatte und wusste, dass da irgendwo noch so ein paar Idioten vor ihren Monitoren sitzen, und ins Leere starren, um dann zu erkennen, dass sie das Video von der furzenden Katze schon kannten. Aber heute, heute scheint die Party fast vorbei. Als hätten wir zu lange gefeiert und sitzen jetzt in der Ausnüchterungszelle. Oder man hat uns direkt in eine sterile Entzugsklinik eingewiesen, weil wir den Spaß übertrieben haben. Vielleicht liegt’s auch dran, dass es draußen gerade Trostlosigkeit regnet, aber irgendwie macht es auch hier drin nicht mehr soviel Spaß wie früher. Es ist karg und kalt.

Ich hab mich mal umgesehen, wer wie was sonst so blogt und festgestellt, dass sich in der Nervenheilanstalt wordpress überwiegend Köchen, Fussball-Hooligans und Neo-Nazis zur Therapie treffen. Ein paar Lehrer und Ärzte gibt’s auch, aber die haben sich schon in eine Ecke verkrümelt und ich weiß nicht, ob die mich bei sich mitspielen lassen. Vielleicht ist das auch der Grund warum ich mich hier gerade unwohl fühle. Aber tatsächlich ist dieses Ding mit dem spacigen Namen „Blogospähre“ zu einer Sahara völlig fehlgeleiteter Ernsthaftigkeit verkommen. Vielleicht sind die braunen Blogs aber auch Politiksatiren und die meinen das doch nicht ernst, sondern ganz im Sinne der Hausordnung der Anstalt Internets als albernen Jucks. Vielleicht leiden die ja an so einer Krankheit bei der man immer nur das Gegenteil sagen kann von dem was man meint. Vielleicht kriegen die aber auch nur irgendwelche Medikamente, die mir bisher noch nicht angeboten worden. Perhaps, Perhaps, Perhaps. So weit ist es schon. Ich muss mir schon selbst was ausdenken, das Netz gibt keinen guten Stoff mehr her.

Nicht nur in der Blogwelt ist es aber langweiliger geworden. Im Krankenhaus und Gefängnis und ein bisschen ist das Netz für mich ja grad beides, bekommt ja zumindest Post. Ich habe die Osterfeiertage genutzt um endlich mal sämtliche Newsletter abzubestellen, die ich innerhalb von weniger als 4 Sekunden lösche, jeden morgen, sobald sie in meinem Postfach sind. Dabei musste ich sie mir dann doch ansehen, um zum abmelden Button runter zu scrollen und stellte fest, dass das echt nur langweiliger Werbeschrott ist. Alles. Newsletter sind zum Löschen da, scheint sogar das Motto der Absender. Das deprimiert mich. Ich mag Post. Nun bekomme ich viel weniger Post, das ist angenehm. Aber der Anteil witzigen Schwachsinns in Form von Rundmails und ähnlichem ist gleich geblieben. Nämlich bei unter einem Prozent. Dafür schnellte der Anteil mit Emails von Chefs, Kollegen, Kunden und meinen Eltern, mit irgendwelchen Arbeitsaufträgen rapide nach oben.

Ich weiß nicht mal, ob ich meinen Aufenthalt im Internet noch als „Surfen“ bezeichnen will. Surfen klingt cool und hip und funky, nach reinem Spaß und Vergnügen. Aber ich arbeite hier. Ja tatsächlich, ich arbeite hier im Internet. Obere Etage, den Gang runter, zweite Türe rechts. Mittagspause von 11-14Uhr. Da sitze ich in meinem Krankenzimmer Arbeitszimmer, gefesselt an die Liege die Arbeit.

Sogar im Design ist das Netz heut erwachsen. Weiß, grau, schmale Linien, schlichte Menüs statt blinkenden, psychodelischen Farbklecksen. Von den Pop-Up-Werbefenstern mal abgesehen, aber auch die hab ich ausgeschaltet, genau wie die Newsletter. Vielleicht war das ein Fehler. Letztlich hab ich mich damit wohl selbst auf Entzug gesetzt. Vielleicht wollte mein Unterbewusstsein Heilung, aber es konnte ja nicht wissen, dass ich dafür erst durch die Langeweile gehen muss. Noch ein letztes Katzenvideo, komm, nur eins für den Nachhauseweg. Danach ist auch wirklich Schluss. Wirklich. Dann hör ich auf. Nur ein ganz kleines.

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