Gestrandet

Ich dachte dies würde ein Post-Post werden. Denn während ich anfing diesen Post zu schreiben saß ich im schönen Frankreich, umgeben von Natur, gutem Essen, Wein, Champagner, in der Sonne, am Pool, mit allem was man so zum Gott-in-Frankeich-Leben braucht. Ein Instant-Entspannungsmix. Sonne drauf, drei Minuten ziehen lassen und fertig. Nur eins gab’s nicht. Internet. „Abschalten statt Ablenken, c’est la vie“ scherzte Schatz noch, als wir hier ankamen und ich nach einem euphorischen „Oh, ist die Wohnung schön“, einem hingerissenen „Oh, ist die Gegend schön“, einem seufzenden „Oh, Soooonnnee“ ein erschrockenes „Oh Scheiße, kein Netz“ ausstieß. Aber er hat das unmögliche Möglich gemacht und mich heute morgen, am Freitag, nicht nur mit einem viel zu üppigen Frühstück überrascht, sondern mit WLAN!!! Auf der Terasse! In der Sonne! Mit Vogelgezwitscher im Hintergrund und Tulpen vor mir. Ich liebe diesen Mann!!! Julchen ist im Himmel. Eine Göttin in Frankreich mit Wlan.

Die letzten zwei-komma-fünf Tage ohne Netz haben mir aber vor Augen geführt, wie vernetzt ich tatsächlich mit dem Netz bin. Fast stündlich machte sich das Fehlen des allwissendenden Internets in meinem Tagesablauf bemerkbar. Wie wird das Wetter heut? Wo ist der nächste Supermarkt? Welche Sehenswürdigkeiten in der näheren Umgebung sind absolute must-have-seens, damit man mir daheim glaubt, dass ich in Frankreich war? Wird man mir überhaupt glauben, wenn ich die Bilder nicht sofort online poste, sondern erst nach meiner Rückkehr? Da könnte ja jede kommen. Im Zeitalter von Photoshop zählt Tempo für Glaubwürdigkeit. Und nach dem Urlaub ist das sowieso nicht mehr aktuell und nicht aktuell ist auch nicht relevant und nicht relevant ist doch egal. Ja, so sieht das aus. All dieser Druck, dieser Stress. Dieser Urlaub schafft mich völlig dachte ich. Und noch mehr Fragen: Wo könnte man Essen gehen? (Restaurant-wahl ohne quipe Bewertungen ist wie russisches Roulette für den digital addicted, wenn man dazu diverse Lebensmittelallergien hat, wie in meinem Fall, handelt es sich wirklich kaum noch um eine bloße Metapher.) Hat man ein Restaurant gefunden ist die Karte natürlich auf Französisch. Was heißt das und das und das? Ich habe feststellen müssen, dass sämtliche Apps auf meinem Iphone ohne Internet garnicht funktionieren. Mein Übersetzungprogramm gehört hierzu, mein Navi auch, und mein Wetterbericht sowieso.

Ich bin Juliane Crusoe, die auf Freitag warten musste, um dem Tod gerade noch einmal von der Schippe zu hopsen. Ich war völlig verloren auf einer Insel, die zwar alles bietet, was man zum Leben braucht – und in ihrer Schönheit meine Heimat bei Weitem übertrifft – aber als Gestrandete aus der technisierten Welt bin ich hier nur knapp überlebensfähig. Vielleicht haben die Ketzer, die behaupten der technische Fortschritt sei ein menschlicher Rückschritt, doch nicht soooo unrecht. Ich ziehe das in Erwägung. Aber dann kam ja Freitag und rettete mich. Und weil ich jetzt weiß, dass es da ist, das Netz, kann ich auch mal abschalten und einfach in der Sonne liegen. Schöne Grüße von meiner Ile de France.

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