Protestprobleme

… aka „Macht, dass es aufhört! Teil 2 – Aber ziemlich zügig!“

Ich habe nun einen Tag darüber sinniert, ob ich mich in die mir zugeschrieben Rolle der alpinaffinen, aber altersschwachen Alten (mit Vorliebe zur Alliteration) fügen sollte, indem ich mich heute wie eine Dame von Welt fortgeschrittenen Alters verhalten habe. Ich habe doppelt so laut gesprochen wie sonst, mich dabei halb so schnell vorwärts bewegt, den Behindertenplatz in der Bahn benutzt, genörgelt, gemeckert und jeden in meiner Nähe angepöbelt, außer den hübschen jungen Herren, der in der Bahn eine Haltstelle vor mir ausstieg, dem hab ich, ganz wie ich es als rüstige Rentnerin tun würde (ich bin ja dann trotz allem immernoch ich und einfach hoffnungslos romantisch), hinterher gerufen: „Für dich würd ich mir glatt `ne neue Hüfte einsetzen lassen, Jungchen!“

Aber trotz der Freuden, die mir dieser Tag beschert hat, bebt in mir der Widerstand. Nein, ich kann es nicht den Mächten der Netzwelt (siehe vorhergehender Beitrag, für alle die nicht regelmäßig mitlesen) überlassen, wer ich bin und welcher Konsumgruppe in angehöre. Ich werde mich wehren. Ich fordere mein Recht auf Mündigkeit ein! Jawohl!

Einige wichtige strategische Knackpunkte meiner Protestbewegung muss ich zwar noch ausarbeiten, z.B. in welcher Farbe und mit welchem Motiv ich die Protest-Shirts drucken lasse1, aber dafür gibt es Dienstleister im Internet, die übernehmen das für mich. Läuft alles vollautomatisch. Hier ist sowieso alles automatisch. Auch dieser Blog. Denn auch hier kam der allererste Eintrag nicht von mir. Sondern von WordPress, die in meinem Namen der Welt Hallo gesagt haben. Nicht einmal das darf ich selber tun. Läuft alles auch ohne mich. Das denken und handeln haben längste Algorithmen übernommen. Ich surfe nur auf der Welle mit. Vielleicht spart mir das ja noch mehr Arbeit in Bezug auf meine geplante Revolution. Zum Beispiel filtert Facebook ganz automatisch potentielle Mitstreiter, Anhänger, Sympathisanten aus meinen Freunden heraus. Denn da sehe ich ja auch nur noch die, die sowieso meiner Meinung sind. Ausführlich hat sich ein Redakteur von spiegel.de mit diesem Algorithmus auseinandergesetzt. (Konrad Lischka: Die ganze Welt ist meiner Meinung. 13.03.2011. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,750111,00.html) Lischka beschreibt, wie die Mathematik hinter dem sozialen Netzwerk meine Freunde für mich organisiert. Über die, mit denen ich über das Netzwerk heftig kommuniziere, werde ich regelmäßig informiert. Jene mit denen ich mich hier seltener beschäftige und die vielleicht genau darum sogar mal was spannendes, völlig neues, meinen Horizont erweiterndes mitzuteilen hätten, verschwinden aus meinem virtuell-visuellem Sichtfeld. So musste ich neulich mit Schrecken feststellen, dass eine Kollegin, mit der ich über andere digitale Kanäle und traditionelle Kontaktstellen (allen voran die wichtigste aller analogen Kontaktstellen: die Kaffeeküche im Büro), durchaus in regelmäßigem und bereicherndem Austausch („Hier hast du den Zucker. Gibt mal die Milch rüber.“) stehe, ein neues Profilbild hatte. Facebook hat dieses Ereignis als nicht relevant genug anerkannt, um es zwischen „ich bin ja so müde“ und „ich bin ja so krank“ und „ich bin ja so einsam“ auf meiner Startseite erscheinen zu lassen. Dabei ist meine liebste Kollegin eine der Ersten, die ich bitten würde sich meiner Protestbewegung anzuschließen. Mit müden, kranken und einsamen Leuten kann man keine Revolution beginnen, liebes Facebook! Oder geht’s dir grade darum?

  1. Sie werden an dieser Stelle vielleicht schmunzeln liebe Leserin bzw. lieber Leser, aber T-Shirts sind entscheidender Bestandteil jeglicher Gegenwehr. Sie sind die Uniform derer, die gegen die Uniformierung antreten. Bedruckte T-Shirts sind das Emblem des Einspruches, das Medium der Mitbestimmung. Sie machen Personen zu Plakaten des Protests. Ohne T-Shirts brauch man garnicht erst anzufangen. Erinnern Sie sich an Che Guevara’s Vornamen? Na, na? War’s Emil? War’s Egon? Oder war’s Ernesto? Oder doch nur El Che? ABER das Che-Shirt haben sie sofort vor Augen, geben Sie’s zu!

2 Gedanken zu “Protestprobleme

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