„Wach“ ist ein streitbarer Begriff

Es geht in die heiße Phase. Nur noch wenige Tage bis zur Prüfung. Aber die Grundlage ist nun gelegt. Nein, ich habe noch nicht alles durchgearbeitet, was ich für die Prüfung wissen muss. Nein, ich habe meine Schönschrift nicht trainiert und nein, ich habe auch nicht geübt spontan in Ohnmacht zu fallen, falls ich in der Prüfung (im übertragenen oder wörtlichen Sinne) mit runtergelassenen Hosen dastehen sollte. ABER, ich habe mich darum gekümmert, dass ich wach und munter in die Prüfung gehe. Jawohl! Und dabei habe ich festgestellt, dass es kein Leben mehr gibt, sondern nur noch „lifestyle“. Die Aufgabe: Man kaufe eine Kaffeemaschine. Wobei da eigentlich schon ein Fehler im Satz steckt, denn ich habe nicht einfach eine Kaffeemaschine „gekauft“. Vielmehr, bin ich einem elitären Club beigetreten. Ach, was Club, einer Sekte, deren ascheinbarer Anführer ein übertrieben beliebter, eigentlich viel zu alter und schon längst ergrauter, aber durch sein gebleicht-weißes Lächeln und nach allgemeinem Konsens meines sozialen Beziehungsgeflechtes doch irgendwie überzeugender, amerikanischer Schauspiel zu sein scheint. Und auch wenn Kaffee im Mittelpunkt des Kultes zu stehen scheint, ahne ich, dass es um viel mehr geht. Viel mehr!

Das erstaunliche daran war aber, das ausnahmsweise mal nicht das Internet dafür verantwortlich war, dass ich dieser suspekten, aber durchdesignten Gemeinde verfiel, sondern Interaktion mit realen Menschen (nagut, er war Höllander) an einem (fast) realen Ort: dem Kölner Flagship-Store von Nespresso.

Obwohl? Was ist an diesem Kaffeegeruch und Glückseligkeit verströmendem „Raum“ noch real? Oder dienten Gestaltung und Aufbau nur der gezielten Stimulation meiner, auf virtuelle Konvention getrimmten, Wahrnehmung? Oder bin ich zu skeptisch, weil Glaube, Religion und Ideologie im Zeitalter des Internets eigentlich längst im Papierkorb gelandet sind? Was war an dieser Kauf“experience“, der Transaktion Plastikkarte gegen Plastikmaschine, eigentlich echt?

Glücklicherweise verblaßen jedem Schluck des dunklen Tropfens die Zweifel in mir. Vielleicht bleibt, wenn man die goldglänzende Fassade wegnimmt, ja doch nur ein Holländer im Coffee-Shop, der mich mit diesem gerösteten Rauschmittel in einem traumähnlichen Zustand versetzt hat.

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